Marschbläser markiger Worte

Das Wetter vermieste den 1. Mai-Marschierern ihr Fest auf dem Schrannenplatz. Nicht aber die Stimmung bei der Kundgebung im Saal des Gewerkschaftshauses. Gerhard Lucki Birner, 2. Bezirksbevollmächtigter der IG-Metall Regensburg (vorderste Reihe links), wusste, mit markigen Sätzen kein Trübsal aufkommen zu lassen. Bild: gf

Die Musikkapelle fehlte, als die gewerkschaftlichen 1.-Mai-Marschierer über den Marktplatz zogen. Gehör verschafften sie sich dennoch.

Amberg. (gfr) Wenn es um lockere Sprüche geht und dabei fundamentale Rechte der Arbeitnehmer zementiert werden, dann ist Gerhard Lucki Pirner, der 2. IG-Metallbevollmächtigte aus Regensburg, der richtige Ansprechpartner. So auch bei der Maikundgebung, wo er über die Aushebelung des Mindestlohnes, Ausbeutung durch Leiharbeit und Flüchtlingspolitik der EU herzog.

Ein Novum war es für den DGB-Stadtverbandsvorsitzenden Bernhard Wallner, dass auf Marschmusik beim Demozug verzichtet und die Kundgebung in den Saal des Gewerkschaftshauses verlegt wurde. Das Wetter hatte kaum eine andere Wahl gelassen. "Die Arbeit der Zukunft gestalten", hatten sich die Gewerkschaften vor Vertrauensleuten, Betriebsräten und politischen Mandatsträgern auf ihre 1.-Mai-Fahnen geschrieben.

Doch nicht nur originäre Arbeitnehmerfragen bewegen derzeit die organisierten Beschäftigten. Matthias Winter, Vorsitzender des DGB-Ortsjugendausschusses sowie der Jugend- und Auszubildendenvertretung im hiesigen Siemens-Gerätewerk, sprach die Flüchtlingsproblematik an. Die Hauptverantwortung sieht er bei der EU und spricht von "Hohn" angesichts von acht Millionen Euro für den G-7-Gipfel auf Schloss Elmau und der Mittel für die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer.

Durchaus viel erreicht

Gerhard Lucki Pirner erinnerte eingangs an den 1. Mai 1886 in Chicago, als eine Demonstration für Arbeitnehmerrechte in einem Massaker geendete. Viel hätte sich in den USA seither für die Beschäftigten nicht getan. Ganz anders in Deutschland. Heute seien Arbeitslosen- und Krankenversicherung kein Thema mehr. Allerdings müssten sich die Gewerkschaften dafür einsetzen, dass Arbeiter und Angestellte nicht rund um die Uhr für ihr Unternehmen abrufbar sein müssten und so "drangsaliert und belästigt werden". Auch Pirner bewegen rund 50 Millionen Flüchtlinge weltweit und die Zuwanderungsdebatte sieht er in einem ganz anderen Licht: "In den USA hätten heute noch Indianer und Bisons das Sagen, wenn dort nicht Wirtschaftsflüchtlinge aus aller Welt eine Bleibe gefunden hätten."

Der Gewerkschafter warnte auch eindringlich vor dem Freihandelsabkommen TTIP. Keiner wisse, was dahinter stecke. "Im hintersten Kammerl" werde verhandelt, warum wohl? Wenn am ganz großen Rad gedreht werde, verheiße das oft für den Einzelnen nichts Gutes. Und wenn es ganz schlecht laufe, wie ab und zu auf dem Kapitalmarkt, sehe das eher so aus: "Wer 2008 für 2000 Euro Aktien der Commerzbank gekauft hat, hat heute nur noch 200 Euro. Hätte man die 2000 Euro in Bier investiert, hätte man sicher einige schöne Stunden gehabt und würde nicht auf Leergut im Wert von 200 Euro sitzen".

Neue Schwerpunkte

Der IG-Metall-Funktionär hatte aber auch Lob parat. Für die Große Koalition wegen der Rente mit 63 etwa. Denn die Rente mit 67 sei nichts anderes als ein "Rentenklau auf legale Weise". Der Mindestlohn von 8.50 Euro weise den richtigen Weg. Aber erst als Einstieg. Leiharbeit und Werkverträge müssten jetzt ins Visier genommen werden. Denn sie gingen nicht nur zulasten der Beschäftigten, sondern auch der staatlichen Sozialsysteme.

Die Tarifpolitik der Zukunft, meint der Metaller, müsse mehr darauf achten, dass Arbeitnehmer wieder Zeit hätten, das verdiente Geld überhaupt auszugeben. Zudem könnte von niemandem verlangt werden, das gesamte Arbeitsleben über die immer gleich hohe Leistung zu bringen. Der ihm wesensfremde Sport, so Pirner, sei das beste Beispiel.
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