Mensch vor Maschine

Siemens-Chef Joe Kaeser ist sich sicher, dass auch in Zukunft Menschen in Fabriken arbeiten werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel darf die Revolution mit nach Hause nehmen. Die industrielle Revolution. Version 4.0. Die Technik, die Computer, die Abläufe: Der Besuch im Amberger Siemens-Elektronikwerk beeindruckt die Physikerin. Am Ende schenkt ihr Siemens-Chef Joe Kaeser zwei Leiterplatten.

Eine Leiterplatte stammt aus dem Jahr 1958. Die andere aus dem Jahr 2015 - neueste Ware. Während Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, Kanzlerin Angela Merkel das Geschenk mitten in der Amberger Vorzeigefabrik überreicht, laufen die Maschinen daneben einfach weiter - ganz ohne Bediener. Die Siemens-Beschäftigten in ihren blauen Kitteln, die statische Aufladung verhindern sollen, haben sich vor Merkel und Kaeser versammelt. Merkel freut sich über das Interesse, entschuldigt sich aber auch für die Störung: "Ich hoffe, die Maschinen sind brav und machen keinen Unsinn", scherzt sie.

Viel Zeit hat Merkel nicht. Keine halbe Stunde dauert der Rundgang durchs Werk - fünf Stationen, an denen sie mit Siemensianern spricht, sich einzelne Arbeitsschritte erklären lässt. Immer wieder richtet sie den Blick auf die Journalisten-Traube, die von der Besuchergalerie aus den Rundgang verfolgt. Merkel war sehr beeindruckt von den Mitarbeitern, berichtet Kaeser wenige Minuten, nachdem Merkel die Werkhalle verlassen hatte. In einer weitgehend automatisierten Industriewelt soll es auch in Zukunft nicht ohne Menschen gehen. Diese zentrale Botschaft vermitteln an diesem verschneiten Montagnachmittag alle, die Rang und Namen haben: Merkel, Kaeser und Werkleiter Karl-Heinz Büttner. "Der Mensch ist immer noch das entscheidende Glied", betont er.

Der Mensch entscheidet

Menschen erarbeiten die Strategie, treffen Entscheidung, haben Kompetenz, lautet der Tenor. Dabei seien sie weniger mit Schraubenzieher als mit Computer oder mobilen Geräten wie Tablets unterwegs. Menschen entwerfen Produkte, deren Pläne in Computern simuliert werden und anschließend digital in die Maschinen eingespeist werden. Produkte steuern ihre Fertigung selbst. Sie teilen den Maschinen über Codes mit, welche Anforderungen sie haben und welche Produktionsschritte als nächstes nötig sind.

Nur noch für ein Viertel der Arbeiten sind Menschen zuständig. Sie stehen aber noch vor der Maschine. Ganz am Anfang etwa legt ein Siemens-Mitarbeiter eine unbestückte Leiterplatte in die Produktionsstraße. Danach übernehmen die Rechner. Ausnahme: Es gibt Probleme. Aber selbst darüber informiert der Computer - er kann dabei auf Millionen von Datensätzen zugreifen. "Erfasse Big Data und berichte Smart Data", heißt das in der Fachsprache. "Wir sind straff auf dem Weg zu Industrie 4.0" - diese Botschaft soll Angela Merkel aus Amberg mitnehmen. Karl-Heinz Büttner sagt nicht unbescheiden: "Wir sind Vorreiter für ganz Deutschland." Und Vorbild für China. Dort steht eine identische Kopie des Amberger Werkes. Nicht wegen der geringeren Löhne dort, sondern weil sich dort ein wichtiger Zukunftsmarkt für die produzierten Teile befindet. Künftig sollen alle Siemens-Werke mit der Amberger Methode funktionieren.

Günstiger und besser

Fabriken würden dadurch in Zukunft noch flexibler als heute individuelle Einzelprodukte fertigen und eine höhere Wirtschaftlichkeit erzielen: In kurzer Zeit, zu niedrigen Kosten bei höchster Qualität. Dahinter steht eine relativ einfache Erkenntnis: Menschen verursachen die meisten Fehler. Weil der Automatisierungsgrad so hoch ist, produziere das Amberger Siemens-Werk aber fast keinen Ausschuss mehr. "Wir helfen Menschen, erst gar keine Fehler zu machen." 1000 verschiedene Produktvarianten entstehen in Amberg, speicherprogrammierbare Steuerungen, wie sie in Bordsystemen von Kreuzfahrtschiffen, in der Automobilindustrie oder in Skiliften zum Einsatz kommen - oder im Amberger Elektronikwerk selbst. Kurzum: Steuerungstechnik stellt sich selbst her. Jährlich verlassen die Fabrik rund 15 Millionen dieser Simatic-Produkte. Bei 230 Arbeitstagen pro Jahr ist das umgerechnet pro Sekunde eines. Innerhalb von 24 Stunden kann Amberg seine 60 000 Kunden in aller Welt beliefern. Pro Schicht sind zwischen 300 und 350 Männer und Frauen im Einsatz.

Sie werden auch künftig unverzichtbar sein, sagen Kaeser und Merkel: "Die digitale Fabrik ist vom Menschen so geprägt, dass die Maschinen genau das machen, was wir wollen." Die Anforderungen aber werden höher sein, das macht Büttner deutlich. Wer in der Industrie 4.0 arbeitet, muss ein höheres Bildungsniveau haben.

Trotz aller Digitalisierung und Wirtschaftlichkeit: Als Merkel und die meisten Medienvertreter aus der Halle längst verschwunden sind, sucht Kaeser Kontakt zu seinen Mitarbeitern: "Und, alles im Griff?" - "Klar!". "Wie war's mit der Kanzlerin?" - "Super." Es sind Gespräche, wie sie Vorstandsvorsitzende mit den Beschäftigten in solchen Situationen führen. Zeit dafür ist ja. Leiterplatten machen die Arbeit.

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Weitere Bilder im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/merkelinamberg
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