Milde für die Kindergärtnerin

Sie kam glimpflich davon. Kein Berufsverbot und eine weit niedrigere Haftstrafe als in erster Instanz. Doch den erwünschten Freispruch gab es für die zwei Tage lang vor dem Landgericht sitzende Kindergärtnerin (58) aus Sachsen nicht.

Amberg. (hwo) Fütterte sie Kinder in einem Amberger Hort so lange, bis sich die Kleinen erbrachen? Steckte die 58-Jährige, heute in Sachsen lebend, ihren Schützlingen das Erbrochene wie zur Strafe zurück in den Mund? Nach zwei Verhandlungstagen und zahlreichen Zeugenvernehmungen bejahte die 3. Strafkammer unter Vorsitz von Gerd Dreßler diese Fragen. Gleichwohl änderten die Richter das heuer im Mai vom Amtsgericht ergangene Urteil nach unten ab. Sehr weit nach unten.

In erster Instanz war mit aller Härte gegen die Frau vorgegangen worden: 18 Monate Haft zur Bewährung, eine Geldauflage von 2500 Euro und fünf Jahre Berufsverbot. Jetzt kam eine völlig andere Ahndung heraus: Sechs Monate mit Bewährung wegen zweier minderschwerer Fälle der Nötigung und Misshandlung von Schutzbefohlenen, 1500 Euro Geldbuße an den Kinderschutzbund. Das war's. Von einem Berufsverbot sah das Landgericht ab.

Über viele Stunden hinweg legte sich Verteidiger Bernhard Geßlein (Chemnitz) für seine Mandantin vehement ins Zeug. Fragen über Fragen an die als Zeuginnen geladenen Ex-Kolleginnen der Erzieherin. Dazu auch immer wieder die Vermutung, da habe eine Art Verschwörung gegen die aus dem Osten der Republik stammende Frau stattgefunden. Dieser Theorie trat die Kammer später entgegen. "Es war kein West-Ost-Konflikt." Es gab zwei Kindergärtnerinnen, die sehr genau beobachtet hatten, wie die Erzieherin Drei- und Vierjährigen das Mittagessen buchstäblich aufzwang. Sie sahen, wie sie sich übergaben und ihnen das Erbrochene wieder in den Mund gesteckt wurde. Beide Frauen wollen sich daraufhin - eine sogar immer wieder - an die Hortleiterin gewandt und Mitteilung gemacht haben.

Das bestritt die Kindergartenchefin: "Sie waren nicht bei mir." Ihr sei das alles nicht bekannt gewesen. In der Urteilsbegründung sagte Richter Dreßler am Donnerstag in den Abendstunden: "Die Angeklagte hatte persönliche Probleme, sie ist krank und hat im Kindergarten auch keine ordentliche Leitung gehabt." Das fiel mildernd für sie ins Gewicht.

Von drei angeklagten Vorfällen hielten die Richter nur zwei für erwiesen. Sie minderten das in erster Instanz verhängte Strafmaß, ließen aber über den Vorsitzenden Gerd Dreßler gleichwohl mitteilen: "Hier wurde zwangsernährt. Das können wir nicht dulden." A

llerdings seien von der 58-Jährigen "künftig keine rechtswidrigen Taten mehr zu befürchten". Von daher, so Richter Gerd Dreßler, komme ein Berufsverbot nicht in Betracht. Dieses fünfjährige Berufsverbot sowie eine Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten hatte Staatsanwältin Dr. Isabell Rupprecht in ihren Plädoyer beantragt.

Im Zuhörerraum herrschte Fassungslosigkeit, wurden ungläubig Köpfe geschüttelt. Auch über einen Satz, den der Chemnitzer Anwalt Geßlein, einst zehn Jahre in Amberg ansässig, zum Besten gab. Er lautete sinngemäß so: Aus seiner Zeit in der Stadt habe er die Erkenntnis mitgenommen, dass man hier "immer von hinten kommt". In ihrem Schlusswort hatte die ansonsten eher schweigsame Angeklagte wissen lassen: "Ich habe nie im Leben Kinder zwangsgefüttert."
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