"Mir liegt das Haus am Herzen"

„Ich hatte diese blöde Zeit in meinem Leben, wo ich nichts hatte.“ Volker Zeidler spricht ganz bewusst in der Vergangenheitsform. Denn im Hier und Jetzt hat er etwas. Seine Wohnung in der alten Baracke. Sie ist sein Zuhause. Die Stadträte würden das Gebäude gerne abreißen, Heimatpflegerin Beate Wolters möchte es unbedingt erhalten und herrichten. Bilder: Kosarew
 
Bergsteig

Für die einen ist sie ein schützenswertes Denkmal, für die anderen eine lästige Bruchbude. Für Volker Zeidler ist die alte Baracke am Bergsteig einfach nur sein Zuhause. Von den eigenen vier Wänden an der Breslauer Straße ist er "angewidert und angetan" zugleich. "Diese Wohnung macht mich krank", sagt der 49-Jährige. Doch weg will er auf keinen Fall.

Amberg. Volker Zeidler geht nicht ins Detail, wenn er über sein "blödes Leben" spricht, wie er es nennt. Muss der 49-Jährige auch nicht, denn die Schlagworte reichen aus, um sich in Gedanken ausmalen zu können, warum der gelernte Koch in der baufälligen Baracke in der Breslauer Straße wohnt und nicht gegenüber in einem der schmucken Reihenhäuser.

Opfer von Missbrauch, Flucht aus dem Elternhaus, Arbeitslosigkeit, Alkoholprobleme, gescheiterte Beziehungen, Schmerzmittelabhängigkeit. "Ich bin seit 25 Jahren Rentner", sagt der gebürtige Amberger, der seinen 50. Geburtstag noch vor sich hat, früher regelmäßig Gast im Bezirkskrankenhaus war und auch das Gefängnis von innen kennt. "Wenn Sie in so einem sozialen Milieu leben wie ich, sind sie immer mit einem Bein in Untersuchungshaft." Doch es geht nicht um ihn, der den Namen seiner im Kreis Tirschenreuth lebenden Tochter auf den Arm tätowiert hat. Es geht um das Haus, in dem er wohnt.

Von außen sieht die Baracke, die nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Flüchtlingen als erster Unterschlupf diente, ganz adrett aus. Doch der erste Eindruck täuscht. Die Haustür ist offen, der Briefkasten auch. Genau genommen müssten Volker Zeidler und sein Nachbar Walter Sollig auch die Wohnungen, die jeweils zwei Zimmer mit Küche und Bad bieten, nicht zusperren. Freiwillig wird sich wohl keiner hierher verlaufen.



Schrottplatz und Sperrmüll

Der Blick des 49-Jährigen wird ernst: "Das können Sie so nicht sagen. Es gibt Leute, die können alles brauchen." Stimmt. Der Mann, der als Kind im Dreifaltigkeitsviertel aufgewachsen ist, ist einer diese Überlebenskünstler.

Sein Inventar stammt ausschließlich vom Schrottplatz, sollte mit dem nächsten Sperrmüll entsorgt werden oder war bei Wohnungsauflösungen nach Sterbefällen gratis zu haben. "Man könnte aus der Bude schon was machen", gesteht Volker Zeidler, der sich selbst aber nicht in der Lage sieht, sein Zuhause aufzuhübschen.

Körperlich wäre er dazu gar nicht in der Lage: "Als Koch würde ich jetzt vielleicht noch eine bessere Küchenhilfe abgeben." Aber handwerklich tätig sein? "Das ist nichts für mich."

500 Mark hat er damals bekommen, als er noch gegenüber lebte und die Wohnung räumen musste, um Platz für die Stadtbau-Reihenhäuser zu machen. Das war 2003. Zwölf Jahre, in denen Volker Zeidler heimisch geworden ist: "Mir liegt das Haus am Herzen. Vor allem, wenn man Tiere mag. Neulich hatte ich in meinem Schuh eine Maus." Das ist kein tiefschwarzer Sarkasmus. Der 49-Jährige meint das ernst. Tiere sind ihm lieber als die Menschen, denn die enttäuschen ihn immer wieder.


Für 113 Euro Miete

Doch der Mann, der seine Shirts, Hemden und Hosen am Leuchter an der Decke aufhängt, weil er keinen Kleiderschrank besitzt, ist von seiner Wohnung nicht immer angetan, sondern oft auch angewidert. Wenn allzu freche Kinder Steine gegen seine Fenster werfen oder ihn beleidigen. Angeblich mit Wörtern, die in keinem Duden dieser Welt stehen. Das sind die Momente, in denen er weg will und aus Frust mit der Faust eine Fensterscheibe einschlägt, ohne sie reparieren zu können. Dann macht ihn die Wohnung krank, für die er monatlich 113 Euro Miete zahlt (plus 38 Euro Strom). Doch weg will Zeidler nicht: "Wenn ich wegziehe, weiß ich ja nicht, wie die Leute dort sind."
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