Mit einem Bierkasten nach einem Polizisten zu schlagen, kann harte Konsequenzen haben, erfuhr ...
Die Sünden vor der "Alm"

Gibt's auf der Alm wirklich "koa Sünd'", wie es einst ein Gassenhauer bayerischen Zuschnitts glaubhaft zu machen versuchte? Völlig falsch. Auf der Alm gab es Dutzende von Sünden. Nicht allerdings hoch droben auf einem Berg, sondern vielmehr vor dem Bielefelder Fußballstadion, das im Volksmund "die Alm" heißt.

Was hat Bielefeld mit Amberg zu tun? Vor diese Frage sah man sich gestellt, als bei Jugendrichter Peter Jung ein ungewöhnliches Verfahren ablief. Tatort: das Gelände rings um die Sportarena des bundesweit bekannten "Deutschen Sportclubs Arminia". Gute sechs Fahrstunden weit von der Oberpfalz entfernt. Dorthin rollte am 15. Dezember vergangenen Jahres ein Doppeldeckerbus, der in Franken startete und Anhänger des Zweitbundesligisten Greuther Fürth zum mit Spannung erwarteten Match gegen die wackeren Arminen brachte. Frohe Stimmung anfangs. Denn die Fürther rechneten mit einem Sieg.

Dabei irrten sie sich allerdings gewaltig. Das ruhmreiche Kleeblatt wurde nämlich auf der "Alm" mit 4:1 entblättert. Da war Frust bei denen angesagt, die sich auf den langen Weg nach Westfalen gemacht hatten. Soweit der Rahmen und das Umfeld, in dem nach Abpfiff das Ungemach geschah.

Fanbus gestürmt

Die Greuther-Fans müssen sich ziemlich aufgeführt haben. Daraufhin kam es zu einem Einsatz der Bielefelder Polizei samt Unterstützungskommandos. Der unweit des Stadions parkende und bereits voll besetzte Fanbus aus Fürth wurde, wie der Jugendrichter erfuhr, von einer uniformierten Armada gestürmt.

Mittendrin ein damals 18-Jähriger aus Amberg, der Jung nachdrücklich versicherte, eigentlich sei eher er der Geschlagene gewesen. Weshalb? "Mein Mandant hat mehrfach Hiebe mit dem Schlagstock bekommen", informierte die Anwältin des Angeklagten und ergänzte: "Obwohl er eigentlich nur dastand."

Erst nach und nach wurde deutlich, dass der junge Amberger in dem Bus laut Ermittlungsergebnis einen Bierkasten ergriffen und damit ("um 17.11 Uhr", wie das Amtsprotokoll vermerkte) nach einem Polizisten geschlagen haben soll, als die Truppen der Bielefelder Exekutive in das Fahrzeug vordrangen. Das bestritt der heute 19-Jährige, der nun so gar nicht den Eindruck eines marodierenden Hooligans vermittelte.

Draußen vor dem Gerichtssaal waren unterdessen fünf Polizisten als Zeugen eingetroffen. Angereist aus Bielefeld, insgesamt zwölf Stunden hin und zurück unterwegs. Manche mochten das nicht in einem Stück auf sich nehmen, übernachteten nach vollbrachter Aussagepflicht in Amberg. Vor dem Richtertisch wurden dann endlos lange Videofilme abgespielt, ertönte Kampfeslärm, brüllten Menschen via Monitor wild durcheinander.

Stundenlang ging das so. Mit einem Kostenaufwand, der Laien eher unverständlich schien. Dazu musste man allerdings wissen, dass die auswärts von Jugendlichen begangenen Straftaten in der Regel an deren Wohnort verhandelt werden. So brauchte denn der Beschuldigte nicht nach Bielefeld zu reisen, mussten von dort aus fünf Polizisten quer durch die Republik fahren. Mit anderen Worten: Warum billig, wenn's teuer auch geht?

Zwei Wochen Arrest

Zum Schluss zeigte sich Jugendrichter Jung aufgrund von Aussagen der Polizeibeamten überzeugt davon, dass da schon etwas war mit dem fraglichen Bierkasten, zu dem der junge Greuther-Fan griff. Folglich verhängte er zwei Wochen Dauerarrest. Zurück blieben Zweifel: Muss ein solcher Aufwand wirklich sein? Auch dazu gibt es seit jeher eine Antwort aus juristischem Kreis: "Gerechtigkeit darf keinen Preis haben."
Weitere Beiträge zu den Themen: Straftat (812)November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.