"Morgen, Kinder, wird's nichts geben! Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld! Morgen, Kinder, lernt fürs Leben! Gott ist nicht allein dran schuld". Schauspieler Gerd Anthoff las am Donnerstagabend Gedichte und Geschichten von Erich Kästner bis Bertolt Brecht, von Oskar Maria Graf
So war das an Heiligabend 1927

Drei ältere Herren mit Silberhaar sitzen aufgereiht im Scheinwerferlicht. Keine Weihnachtsdekoration, kein Tannenzweig mit Kerze auf dem Tisch, kein Glas Wasser, um die Stimme zu ölen. Von links: Jost-H. Hecker, Thomas Bogenberger und Gerd Anthoff. Bild: Huber
bis Peter Härtling.

Der Lesesaal in der Stadtbibliothek ist ausverkauft. Es ist ja auch die Weihnachts-Auftaktlesung, wie Bibliotheksleiterin Bettina Weisheit in ihrer Begrüßung meint. Und es ist ein Star, der angekündigt ist: Schließlich gehört Anthoff zu Deutschlands beliebtesten Charakterdarstellern, der sowohl auf der Bühne als auch im TV zu sehen ist. Im Münchener Westend aufgewachsen, war Anthoff schon als Kind mit dem Theater verbunden, denn seine Tante war Garderobenfrau im Residenztheater und sein Onkel an der Oper beschäftigt.

Schnell wurde ihm klar, wo seine Zukunft lag: in der Schauspielerei. Zu Beginn der 60er Jahre nahm Anthoff bereits Schauspielunterricht bei Peter Rieckmann, bevor ihn der Bayerische Rundfunk von 1964 bis 1967 mit einem Stipendium förderte. Jetzt ist er mit seinen kongenialen Begleitern Thomas Bogenberger (Gitarre) und Jost-H. Hecker (Cello) und seinem Programm "Damals an Weihnachten" in der Republik unterwegs.

Nur lose Blätter hält Anthoff in der Hand. Die Texte sind gut gemischt, von heiter und skurril bis besinnlich. Anthoff trägt mal bayerisch-barock vor, mal in deutscher Hochsprache, immer aber bassgetönt. Sehr authentisch und intensiv zieht er das Publikum mitten hinein ins Geschehen. Er nimmt die Zuhörer mit ins Haus Nummer 18, als damals, an Weihnachten ein küchenfertiges Federvieh aus einem Fenster geflogen war. Mit einem Tumult auf der Straße beginnt die Geschichte.

Ausgelöst durch diese "fette, gerupfte Gans, zart und appetitlich" auf dem Asphalt. Mit dem ihm eigenen Humor beschreibt der Autor Oskar Maria Graf, wie der verarmte Nierlinger das gut gemeinte Geschenk seiner Verwandten aus dem Fenster wirft, weil er weder Kohle, Holz noch Strom hat, um sich daraus einen Festtagsbraten zuzubereiten.

Mit klarer, pointierter Stimme zeichnet Anthoff die gierige Bagage: keifende Weiber, den geschäftstüchtigen Metzgermeister, die ach so friedfertigen Nachbarn und den gesetzestreuen Wachtmeister. Auch die Familie Preisser lernt man kennen an jenem schicksalsträchtigen Weihnachtsabend im Jahr 1927. Sohn Felix wurde ausgeschickt, um Senf für die warmen Würstchen zu holen. Zurück kam der Knabe erst fünf Jahre später.

Die Lesepausen füllten Bogenberger und Hecker mit ungewöhnlichen Interpretationen von altbekannten Weihnachtsliedern, klassischen Weisen und jazzigen wie rockigen Elementen. Eine besondere "stille Nacht" klingt kratzig und quietschig wie eine "singende Säge", wird jedoch über die Cello-Saiten transportiert. Schräg und schrill und total verquer steigt die Gitarre ein und reflektiert das heilige Geschehen auf ACDC-Klassiker-Art. Ungewöhnlich, aber gekonnt und sehr passend zu dieser Veranstaltung, die sich angenehm abhebt vom allgemein üblichen Staade-Zeit-Gesäusel.

An den Anfang der Lesung hatte Anthoff das Gedicht "Der Dezember", von Erich Kästner gesetzt, das zugleich auch das Ende markiert, nämlich den verblassenden Zauber der Weihnacht und die Endlichkeit des menschlichen Lebens beleuchtet. Der Schlusssatz lautet: "Das Jahr kennt seinen letzten Tag und du kennst deinen nicht."
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