"Musterbeispiel einer Bande"

Das Diebestrio bestand aus zwei älteren Damen und einem sie begleitenden Herrn. Von einer Amberger Fachhandelsfima schafften sie Sachen fort, die der Durchschnittsmensch eher nicht braucht: Weihrauchschwenker, Opferkerzen, Hostienschalen, Weihwasserkessel. Aber auch jede Menge Klopapier.

Die beiden vom Betriebsinhaber beauftragten Detektive kamen an einem Wochenende und harrten wacker aus. Der Samstag verlief ergebnislos, auch der Sonntag begann mit dem Blick auf einen Fahndungserfolg zunächst eher trist. Doch dann fuhr ein Auto vor, wurde der Kofferraum geöffnet. Im Fahrzeug befanden sich drei Leute: zwei 77 und 70 Jahre alte Frauen, außerdem ein 54-jähriger Mann. "Sie waren das Musterbeispiel einer Bande", befand nun der Schöffengerichtsvorsitzende Markus Sand.

Das Trio strebte dem Eingang zu. Nicht lang danach begann ein emsiges Beladen des Kofferraums. Das sahen sich die Detektive aus ihrer Deckung noch an. Dann griffen sie zu. Womit der finale Strich unter eine Serie gezogen war, die nach Auffassung des Betriebschefs "wohl schon seit Jahren ging." Nachweisbar, so stellte sich in dem ungewöhnlichen Prozess heraus, waren aber nur 14 Fälle.

Sie waren Putzfrauen

Die Richter mussten Fragen klären. Zunächst diese: Welche Funktion hatten beide Damen und ihr männlicher Begleiter? Es ergab sich: Die 77-Jährige hatte früher dort geputzt, ihr 54-jähriger Sohn war nie bei der Firma beschäftigt gewesen. Wohl aber die mit ihnen auf der Anklagebank sitzende 70-Jährige. Sie stand bis zu ihrer Festnahme als Reinemachefrau auf der Lohnliste und hatte folglich einen Schlüssel. Das Saubermachen in den Räumlichkeiten fand immer nur an Wochenenden statt. Dann war keiner da, der Beobachtungen hätte machen können.

Als die Polizei zu Wohnungsdurchsuchungen ansetzte, fand sie Räume vor, die - es folgt ein Zitat des Richters Sand - "besser ausgestattet waren als manche Sakristei." Kerzen zuhauf, Weihwasserkessel und Gefäße für geweihten Rauch. In manchen davon sollen Blumen angepflanzt worden sein. Aber auch jede Menge in Flaschen abgefüllter Messwein befand sich neben Hostienschalen und Opferbüchsen unter der Beute. Und nicht nur das: Selbst größere Bestände Toilettenpapier hatten den Besitzer gewechselt. So viel, dass der Firmenbetreiber als Zeuge beklagte: "Meine Mitarbeiter hatten schon Klopapier versteckt, weil es immer fort kam."

Das Trio zeigte sich geständig. Allerdings in eingeschränktem Maße. Denn vieles sei dem Abfall entnommen worden. Das habe der Unternehmenschef gestattet. Klang seltsam und wurde rasch widerlegt. "Habe ich nie erlaubt", hörten die Richter vom Geschädigten, der nach aufgebrauchter Engelsgeduld den Entschluss fasste, Privatdetektive zu beauftragen. Apropos Engel: Figuren solcher Wesen bekamen bei den Diebstählen ebenfalls "Flügel".

"Gewerbsmäßiger schwerer Bandendiebstahl", befand Staatsanwältin Daniela Spieß. "Allerdings in einem minderschweren Fall", schränkte sie ein und beantragte Freiheitsstrafen zwischen 16 und 20 Monaten mit Bewährung für die Beschuldigten. Deren Anwälte Mike Thümmler, Josef Pleischl und Gerald Lenz hielten das für überzogen. Zumal, wie Verteidiger Pleischl für seine 77-jährige Mandantin ins Feld führte, "sie nur ein einziges Mal eine Rolle Klopapier nahm".

"Spitze des Eisbergs"

Das Schöffengericht verurteilte alle drei Angeklagten zu jeweils 18 Monaten Gefängnis mit Bewährung. "Sie haben sich zusammengetan, um zu stehlen", unterstrich Richter Sand. Dabei spiele es keine Rolle, dass in manchen Fällen nur Waren im Wert von 40 Euro geklaut worden seien. Danach ließ Markus Sand erkennen: "Bei dem, was hier zu verhandeln war, drehte es sich wohl nur um die Spitze des Eisbergs." Und fuhr fort: "Banden müssen nicht immer nur aus zwielichtigen Gestalten bestehen. Das hat man heute gesehen."
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