Mutige Menschen retten unsere Stadt

Julian Keppner, der Kopf der kleinen Widerstandsgruppe, bei einem Schützenumzug. Das Bild soll in den 30er Jahren entstanden sein. Keppner verhinderte durch sein beherztes Eingreifen, dass NSDAP-Kreisleiter Dr. Artur Kolb am 22. April 1945 eine Katastrophe für die Stadt Amberg anrichten konnte.

Heute vor 70 Jahren besetzten amerikanische Truppen die Stadt Amberg. Höchste Zeit mit den Mythen aufzuräumen, die um dieses Ereignis seither gesponnen worden sind.

Den Namen Julian Keppner kennen in Amberg nur sehr wenige. Es ist keine Straße nach ihm benannt, es gibt keine Julian-Keppner-Schule oder ein Denkmal, das an seine Rolle bei der kampflosen Übergabe der Stadt an die Amerikaner am 22. April 1945 erinnert. Dabei war Julian Keppner das Haupt einer kleinen Gruppe von Männern, die verhindert haben, dass Amberg das gleiche Schicksal ereilte wie Neumarkt, das wenige Tage zuvor fast völlig zerstört worden war, weil es den heranstürmenden amerikanischen Truppen Widerstand geleistet hatte.

Julian Keppner, Wolfgang Babl senior und junior, Josef Kerschensteiner, Fritz Schiller, Erich Zeitler und Ferdinand Diepold heißen die wahren Helden dieser Stadt. Nicht Bürgermeister Sebastian Regler, der Amberg erst einen Tag später an die Amerikaner übergeben hat, als diese schon am Marktplatz standen. Die Gruppe um Julian Keppner hingegen hat unter Einsatz des eigenes Lebens alles getan, um Amberg das Schicksal der Stadt Neumarkt zu ersparen.

Anfang April 1945 ist der Krieg verloren. Dennoch gibt SS-Reichsführer Heinrich Himmler die Parole aus, alle Städte gegen die Truppen der Alliierten zu verteidigen. Auch in Amberg ist dieser Befehl bekannt, wie der damalige Luftschutzwart Ludwig Stein später zu Protokoll geben wird. Weil die Truppen an der Front gebraucht werden, sollen Einheiten des Volkssturms - halbe Kinder und alte Männer - diese Aufgabe übernehmen.

Denkschrift verfasst

In Amberg zeichnet Oberfeldwebel Julian Keppner für dieses letzte Aufgebot verantwortlich. "Er hatte durch sein diplomatisches Geschick und zugleich mit seiner resolut mutigen Haltung Einfluss bei den militärischen Stellen", schreibt der letzte Überlebende der Gruppe, Wolfgang Babl, in seiner aktuellen Denkschrift "Die Friedensfahne von Hl. Dreifaltigkeit". Der 85-jährige Babl, der heute am Bodensee lebt, hat es sich zum Anliegen gemacht, die Ereignisse zum Kriegsende in Amberg 70 Jahre nach Übergabe der Stadt so darzustellen, wie sie gewesen sind.

"Der Keppner war hier praktisch für alles zuständig", so erzählt Babl am Telefon. Ein etwas schroffer, wortkarger Mann, der seine Widerstandsgruppe leitet wie eine Armeeeinheit. "Das war praktisch Dienst, den wir geleistet haben", sagt Wolfgang Babl. Julian Keppner denkt keineswegs daran, dem Befehl Heinrich Himmlers nachzukommen. Längst haben er und seine Mitverschwörer, die sich bereits im Januar 1945 zusammengefunden haben, den Plan ausgearbeitet, wie den amerikanischen Truppen, die sich vom Westen her nähern, der Weg in die Stadt geebnet werden könnte.

Die Planungen sehen unter anderem vor, dass auf vier großen Türmen im Stadtgebiet - Dreifaltigkeitskirche, Martinskirche, Bergkirche und Förderturm auf dem Erzberg - weiße Fahnen gehisst werden sollen. Bis es aber so weit ist, gilt es umfangreiche Vorbereitungen zu treffen. Julian Keppner hat nach Einschätzung von Wolfgang Babl seinen ganzen Einfluss dafür eingesetzt, dass die letzten regulären Wehrmachtstruppen aus der Stadt abgezogen werden und woanders neue Verteidigungslinien aufbauen.

Sie kennen sich nicht

Dann sorgt die Widerstandsgruppe in wechselnder Besetzung dafür, dass die Waffen des Volkssturms verschwinden. Mit von der Partie ist auch Wolfgang Babl, der mit seinem Vater zu der Gruppe gehört und dem später eine zentrale Rolle zufallen wird. Babl erinnert sich, dass sich die Männer des Widerstands untereinander gar nicht kennen zu diesem Zeitpunkt. Jeder weiß nur das, was er selbst zu tun hat. "Wenn einer von uns erwischt worden wäre, dann hätter er überhaupt nichts erzählen können", so Babl. Bei Julian Keppner laufen die Fäden zusammen.

Gearbeitet wird immer nur bei Fliegeralarm, wenn die Amberger möglichst in den Luftschutzkellern sitzen. Familie Babl wohnt damals in der Prechtlstraße im Dreifaltigkeitsviertel. "Der Julian Keppner ist dann immer nur mit seinem Motorrad vorbei gefahren. Dann wusste ich, dass wieder was ist", sagt Wolfgang Babl. Denn Babl muss häufig ran - wenn auch der Rest der Gruppe vom "Boum", wie sie den 15-Jährigen nennen, nicht begeistert ist.

Doch der "Bou" ist klein und schlank. Immer wieder braucht ihn Julian Keppner, um die Waffen des Volkssturms verschwinden zu lassen. Wolfgang Babl muss in Kellerfenster steigen und Panzerfäuste oder anderes Kriegsgerät herauszuholen, das Keppner anschließend fortbringt. "Bei dieser Gelegenheit habe ich den Julian Keppner erst kennengelernt, der mir bis dahin völlig unbekannt war." Babl, der Ministrant und Hilfsmesner von Hl. Dreifaltigkeit, ist auch dafür vorgesehen, die weiße Fahne auf dem Kirchturm zu hissen. "Verantwortlich war ich auch für die weiße Fahne, deren streng geheime Anfertigung und dass sie einen sicheren und doch greifbaren Platz in der Kuppel des Turms der Dreifaltigkeitskirche fand."

22. April 1945: Das 14. Infanterieregiment der 71. US-Infanteriedivision hat Amberg nahezu eingekesselt und setzt zum Sprung auf die Stadt an. Offenbar zweimal ruft ein Dolmetscher bei Bürgermeister Sebastian Regler an, der sich im Befehlsstand im Amtsgericht am Paulanerplatz aufhält. Er fordert ihn auf, die Stadt kampflos zu übergeben. Ansonsten werde Amberg innerhalb kürzester Zeit beschossen. Regler windet sich, gibt vor, kein Fahrzeug zu haben, um zu den amerikanischen Truppen kommen zu können. So schreibt er es in seinen späteren Aufzeichnungen.

Julian Keppner handelt

Julian Keppner hingegen handelt. Mit seinem Motorrad tuckert er durch die Stadt und erteilt den Befehl, die weißen Fahnen zu hissen. "Der ist wirklich nur vorbeigefahren und hat uns Anweisungen gegeben", erinnert sich Wolfgang Babl, der gemeinsam mit Josef Kerschensteiner die Aufgabe hat, die Fahne am Turm der Dreifaltigkeitskirche zu befestigen. "Als Hilfsmesner hatte ich die Schlüssel für die Kirche, ich konnte also jederzeit hinein." Der mit einer Pistole bewaffnete Kerschensteiner ist dabei, um den Jugendlichen zu beschützen. Denn direkt gegenüber der Kirche wohnt ein SA-Obersturmbannführer namens Eisele.

Und noch einer wird aktiv: Dr. Artur Kolb, Kreisleiter der NSDAP und trinkfreudiger Zahnarzt. Als er vom Telefonat Reglers mit den Amerikanern erfährt, besorgt er sich einen Wagen mit Fahrer, um die bei Weiher/Pursruck stehenden Divisionen der SS zu Hilfe zu holen. Ob er noch weiß, was er tut, ist fraglich. Er ist nach übereinstimmenden Zeugenaussagen zu diesem Zeitpunkt - es ist kurz vor 17 Uhr - bereits stockbetrunken. Kolb fährt die Raigeringer Straße hoch. Was dann passiert, darüber gibt es bis heute unterschiedliche Versionen. Nach der offiziellen Lesart gerät Kolb auf der Raigeringer Höhe in ein Scharmützel mit einem amerikanischen Panzerspähwagen und wird dabei erschossen. Eine Version, die so nicht stimmen kann. "Es waren zu diesem Zeitpunkt nämlich noch überhaupt keine Amerikaner da", erinnert sich Wolfgang Babl. Einen Hinweis gibt das offizielle Protokoll, das die Widerstandsgruppe nach Ende des Krieges zu diesem Vorfall verfasst hat. Es sei bei der gesamten Aktion nur in einem Fall "militärisches Eingreifen" erforderlich gewesen, so beeiden deren Mitglieder.

Wolfgang Babl dazu: "Kolb musste unbedingt daran gehindert werden, die Truppen nach Amberg zu holen." Denn wäre es dem Kreisleiter tatsächlich gelungen, zu den SS-Divisionen durchzudringen, die Folgen für die Stadt lägen klar vor Augen. "Ich habe es nicht selbst gesehen, doch ich bin mir absolut sicher, dass Julian Keppner den Kreisleiter in Höhe der Oberrealschule (heute Gregor-Mendel-Gymnasium) erschossen hat", betont Wolfgang Babl.

Bereits vor zehn Jahren zum 60. Jahrestag hatte ein Gewährsmann aus dem direkten Umfeld von Julian Keppner gegenüber der Amberger Zeitung ausgesagt, Keppner habe mehrere Schüsse auf den Kreisleiter abgefeuert. Wolfgang Babl dazu: "Am 22. April 1945 wurde um 17 Uhr Panzeralarm gegeben. Keppner gab über meinen Vater den Befehl, die Fahne in Richtung Osten zu hissen; vorher hatte er verhindert, dass deutsche Truppen herbeigeholt werden konnten. Josef Kerschensteiner half mir dabei und sollte mich, wenn nötig, mit einer schussbereiten Pistole schützen."

Tatsächlich gerieten Babl und Kerschensteiner, als sie die Luke im Turm öffneten, unter Beschuss - wahrscheinlich durch amerikanische Truppen, die das hochgelegene Ziel unter Feuer nahmen. Doch Wolfgang Babl gelang es, das etwa acht Meter lange Laken zu entrollen und an der Brüstung zu befestigen. Die Schüsse verstummten sofort.

Amerikaner marschieren

Noch am gleichen Abend marschierten die Amerikaner in die Stadt ein. Es war übrigens die einzige der vier geplanten weißen Fahnen, die gehisst worden ist. Sie reichte aber aus, um für die Bürger der Stadt Amberg den Krieg zu beenden. Denn tatsächlich, so beteuerten es später die Amerikaner, betrachteten sie die weiße Fahne der Dreifaltigkeitskirche als Kapitulation der Stadt. Erst am 23. April übergab dann Bürgermeister Sebastian Regler Amberg offiziell an Colonel Neels, den amerikanischen Kommandeur.

Die Widerstandsgruppe um Julian Keppner hatte ihr selbstgestecktes Ziel erreicht. Und für den jungen Wolfgang Babl gab es ein für Keppners Verhältnisse beinahe überschwängliches Lob: "Wenn wir den Boum nicht ghabt hätten, wär's ganz schön schwer gworn", soll er gesagt haben. Wolfgang Babl hatte nach dem 22. April 1945 übrigens keine Gelegenheit mehr, Julian Keppner zu dem Vorfall auf der Raigeringer Höhe zu befragen. "Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen."

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