Muttertag im Februar
Glosse

Dem jungen Mann standen die Schweißperlen auf der Stirn an jenem unsinnigen Donnerstag vergangenen Jahres. Verzweifelt suchte er im Supermarkt-Regal nach der Baby-Creme, deren Namen ihm seine Frau auf den Einkaufszettel geschrieben hatte. Während er mit dem Ellbogen den Stapel Windeln zum Einsturz brachte, war sein etwa vierjähriges Kind im Nirwana des Warenlagers verschwunden. Das Baby im Kindersitz hatte unterdessen einen Joghurtbecher zerdrückt.

Er war schon leicht angefressen, der Papa, als er seinen davongelaufenen Sohn hinter einem Regal hervorzerrte. Aber noch bevor er zur Standpauke ansetzen konnte, fragte der Kleine entwaffnend und offenbar nicht weniger genervt: "Wo ist eigentlich die Mama?" Die Mama, so versuchte der Vater mit sanfter Stimme zu erklären, sei heute ausnahmsweise mal nicht zum Einkaufen gegangen. Sie sei mit Freundinnen losgezogen, um sich zu amüsieren.

Dass sie gerade als überdimensionales Küken mit einem Haufen aufgescheuchter Hühner beim Ententanz über den Marktplatz hopst, dass sie sich womöglich einen Schraubverschluss auf die Nasenspitze klemmt, grüne Plörre schlürft und "Atemlos durch die Nacht" singt, das wollte der Papa dann doch nicht näher erläutern. "Das ist heute so, wie Muttertag im Februar", fiel dem jungen Mann noch ein. Gut, dass der Bub die ganze Wahrheit erst später erfährt.

uli.piehler@zeitung.org
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