Nach Treppensturz mit schweren Folgen: Zwei Brüdern ist nichts zu beweisen - Prozess endet ...
Angeklagte kommen ungeschoren davon

Sie waren unzweifelhaft an einer folgenschweren Auseinandersetzung beteiligt. Doch wer von den beiden auf der Anklagebank sitzenden Brüdern aus Schwandorf zeichnete konkret für die Schädelverletzungen eines 32-Jährigen verantwortlich? Klare Beweise gab es nicht. Die Folge: Sie kamen ungeschoren davon.

Was nach dem schon am zweiten Prozesstag gesprochenen Urteil vor der Ersten Strafkammer des Amberger Landgerichts fest stand, war: "In einem Haus in Ettmannsdorf hat es im Dezember 2013 eine Auseinandersetzung gegeben." Mit Gewissheit ließ sich auch nachvollziehen, dass ein total betrunkener 32-Jähriger massive Schädelverletzungen davongetragen hatte und erst durch eine Notoperation gerettet werden konnte. Alles andere lag im Bereich des Verdachts und der Vermutung.

Zwei Brüder, heute 37 und 31 Jahre alt, hatten von Beginn an bestritten, den Freund ihrer Schwester eine Haustreppe hinabgeworfen, ihn auch durch Tritte und Schläge übel malträtiert zu haben (wir berichteten). Ihre Anwesenheit gaben sie zwar zu, eine Tatbeteiligung nicht. Von daher stellte sich die Frage: War das Opfer im 2,8-Promille-Rausch aus eigenem Verschulden die Treppe hinunter gestürzt, als ihn einer der Angeklagten aus einer Wohnung, in der auch seine Schwester lebte, als unliebsamen Gast bugsiert hatte?

Keine verwertbaren Angaben

Die Strafkammer startete zur umfangreichen Beweisaufnahme. Doch sie stocherte mit der Stange in einem Nebel, der schier undurchdringbar war. Der damals schwer verletzte Mann mochte sich vor Gericht an nichts mehr erinnern. Vor der Polizei hatte er seinerzeit auf der Intensivstation zwar nähere Angaben zum Hergang gemacht und das Brüderpaar beschuldigt.

Doch war diese Aussage, gemacht unter starkem Medikamenteneinfluss, für einen Schuldspruch verwertbar? Die Kammer versah dies mit großen Fragezeichen. Was die Angeklagten beim Prozess geäußert hatten, konnte so kaum stimmen. Durch ein Gutachten des Gerichtsmediziners Professor Peter Betz (Erlangen) stellte sich heraus: Die Brüche von Schädel- und Gesichtsknochen waren offenbar großteils erst entstanden, als der 32-Jährige unter Gewaltanwendung aus der unterhalb der Treppe befindlichen Haustüre geworfen wurde und massiv aufschlug. Dort waren auch die beiden Brüder anwesend. Zeugen hatten sie gesehen, aber sie konnten nicht sagen, wer von beiden schlug oder trat.

Die Angeklagten befanden sich mit ihren Angaben weit von der Wahrheit entfernt. Gleichwohl: Ihre Tatbeteiligung ließ sich nicht eindeutig zuordnen. Nur die Schwester der beiden Männer hätte dazu etwas berichten können. Doch sie, damals ebenfalls am Eingang des Anwesens stehend und auch im Treppenhaus mit dabei, machte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Staatsanwalt wollte Haft

Für Staatsanwalt Daniel Gold war die Sache klar. Er forderte vier Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung für den älteren der Brüder und bezeichnete ihn als Hauptverantwortlichen. Für den jüngeren verlangte Gold eine zwölfmonatige Haftstrafe zur Bewährung. Völlig anderer Ansicht waren die Verteidiger Dr. Matthias Schütrumpf (München) und Heinz Ettl (Schwandorf). Sie wollten Freisprüche für ihre Mandanten und argumentierten, es sei ungeklärt, wer damals die schweren Verletzungen verursacht habe.

Die Strafkammer schloss sich den Anwälten an. Beide Angeklagten wurden vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen. Allerdings muss der jüngere von ihnen 1050 Euro Geldstrafe wegen versuchter Nötigung bezahlen. Er hatte seine am Tatort anwesende Schwester bedroht: "Keine Polizei. Sonst bis du die Nächste." Das ließ zwar ebenfalls darauf schließen, dass die zwei erheblich vorbestraften Brüder am Abend des 16. Dezember 2013 gewalttätig wurden.

Im Dunkel aber blieb, wie alles genau ablief. "Es reichte einfach nicht", ließ die Strafkammervorsitzende Roswitha Stöber vernehmen. Das klang fast schon resignierend.
Weitere Beiträge zu den Themen: März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.