Null Zinsen, viel Arbeit

Wir sind eine der wenigen Stellen, die unabhängig beraten, die meisten wollen verkaufen.

Seit mit Geld nicht mehr das schnelle Geld zu machen ist, hat sich in der Finanzbranche Nervosität breitgemacht. Das treibt teils kuriose Produktblüten und parallel das Beratungsbedürfnis der Amberger in die Höhe.

(zm) Diese Erfahrungen macht derzeit auch die Verbraucherzentrale im Stadtgebiet. Die Leiterin des Büros in der Herrnstraße, Marion Gaksch, ist auf diesem Gebiet zwar keine Spezialistin, bei ihr laufen jedoch die Terminanfragen auf, zu denen dann ihr Nürnberger Kollege Curt Frings anreist. Inzwischen muss die hiesige Geschäftsstelle schon Wartezeiten von bis zu drei Monaten in Aussicht stellen.

Das ist aus der Sicht der beiden hauptberuflichen Verbraucherschützer deutlich zu lange. Sie wünschten sich bei einer Pressekonferenz deshalb mehr Mittel für den Ausbau der Beratungstätigkeit auf diesem Sektor. Frings legte beeindruckende Zahlen vor. Unter der Rubrik Finanzdienstleistungen listete die Tätigkeitsstatistik des Amberger Büros für 2013 noch 88 Gespräche (11,5 Prozent aller Beratungen) auf. Für vergangenes Jahr weist die Rubrik "Finanzen, Versicherung, Altersvorsorge" (ohne Krankenversicherung) 332 einschlägige Termine (26,4 Prozent) aus.

Mehr als verdoppelt

Einmal pro Monat war vor zwei, drei Jahren ein Berater in Sachen Finanzdienstleistungen vor Ort. "Jetzt reichen drei Tage eigentlich nicht mehr aus", erzählt Frings. Zu lange Wartezeiten seien aber äußerst schädlich. Ratsuchende hätten nicht selten eine gezielte Frage zu einem aktuellen Angebot. Müssten sie bis zu zehn, zwölf Wochen warten, hätten sie das Interesse verloren oder unterschrieben, gibt der Berater zu verstehen. Das könne nicht im Sinne des Verbraucherschutzes sein. Frings unterscheidet mit Blick auf eine ausgewogene Altersvorsorge zwei große Bereiche: Risikoschutz und Ansparmodelle. "Wir sind eine der wenigen Stellen, die unabhängig beraten, die meisten wollen verkaufen", beschreibt er die Leitlinie.

Deshalb warne er grundsätzlich vor sogenannten Kombi-Produkten. Das Risiko einer eventuellen Berufsunfähigkeit oder eines schweren Unfalls solle über eine einschlägige Versicherung abgedeckt werden, die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards im Alter über langfristige Geldanlagen. Letzteres werde angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase in der Finanzwirtschaft aber auch immer schwieriger. Hier gebe er deshalb den eindringlichen Tipp, sich bei derzeit etwas lukrativer verzinsten Unternehmensbeteiligungen des damit verbundenen Ausfallrisikos bewusst zu sein.

Verdeckte Kosten

Ein Hauptproblem stellt für Frings nach wie vor eine oft verschleierte hohe Kostenbelastung bei Vertragsabschlüssen dar. Kürzlich, so erzählt er, habe ihm beispielsweise eine 19-Jährige den Vertragsentwurf eines Riester-Produktes vorgelegt, der 6700 Euro an reinen Abschlusskosten beinhaltet habe. Das würde nichts anders bedeuten, als dass 42 Jahre lang die jährliche staatliche Zulage komplett aufgezehrt werde. Derart inakzeptable Produkte bekäme er aber nur recht selten auf den Tisch.
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