Paradox klingt
Wäis is und wäis wor

das schon, wenn die Provinzialbibliothek und das Katholische Bildungswerk zum "Dialekt-Event" mit Oberpfälzer Mundarttexten von Dieter Radl und zünftiger Musik mit Bernhard Luber einladen. Aber gelungen war der Abend trotzdem.

Die Einladung auf Denglisch, die Veranstaltung dann im Dialekt, was soll's? In den meist heiteren, manchmal etwas derben, aber auch besinnlichen und zum Nachdenken anregenden Texten von Dieter Radl gab es absolut keine überflüssigen englischen Begriffe, die unsere Sprache ja derzeit quasi überfluten. Dafür aber tischte er jede Menge Fremdwörter aus Sulzbach auf, die selbst einer gebürtigen Oberpfälzerin schwer zu schaffen machen.

Und dann die Schreibweise! Hier nur einige Beispiele für diese äußerst komplizierte Orthografie: Hutschawawerl (Kröte) und Räiloia (Ostereier) oder alleine schon der Titel des Abends: Wäis is, wäis wor - a weng durchs Jor. Was braucht man für eine zünftige Dialektlesung? An Tisch, an Stuhl, a Ziach - einen der liest und einen, der die Musi macht. Das war am Donnerstagabend Bernhard Luber. Der steckte in der zünftigen Krachledern mit einem Hirschfänger im Spezialtascherl. Der Radl Dieter bevorzugte dagegen eine modisch aktuelle Hose, trug aber eine Trachtenweste drüber, Bart im Gesicht und Brille teils in der Hand, teils auf der Nase. So standen und saßen sie im Mittelpunkt im ehrwürdigen Barocksaal der Provinzialbibliothek. Der Autor strahlte voller Stolz. "Dass a Sulzbacher an Saal fülln kann in Amberg", grinste er schlitzohrig und legte los mit seinem Jahreskalender auf oberpfälzisch: Neujahr, Kinderfasching, Hausball; St. Blasius, Osterbrunnen, Muttertag; Maiwieserl, Breitenbrunn, Annabergfest, das natürlich "das schönste in der ganzen Region ist". Dem Sulzbacher sei diese Meinung zugestanden, nachdem er doch einräumte, dass auch die Festln rundum ihren Reiz haben.

Vieles mehr hatte Radl beobachtet und mit Humor und Einfühlungsvermögen niedergeschrieben. Im Dialekt, genauer gesagt, im Sulzbacher Dialekt, und der ist noch mal ganz speziell. Von derb und grob bis ganz zärtlich reicht die Sprachpalette, sagte er. Und Dialekt sei ein "ganz wertvolles Kulturgut". Das will der pensionierte Lehrer pflegen, erhalten und auch präsentieren. Was ihm übrigens bestens gelang. Mit seinem intensiven Vortrag weckte er Erinnerungen, sprach er Gefühle und Sinne an: Sonne, Wald, Natur; Bratwurstduft und Bier-Philosophie, Heimateuphorie und Faschings-Maharadscha-Erlebnisse, alles gut in Worten ausgedrückt und mit echter stromloser Wirtshausmusi verpackt. Autor und Musiker harmonierten perfekt.

Gut zwei Stunden ohne Pause unterhielten Radl und Luber ihr Publikum bestens, brachten es sogar zum Mitsingen. Siglinde Kurz, Leiterin der Provinzialbibliothek, hatte in ihrer Begrüßung nicht zu viel versprochen: Dieter Radl ist tatsächlich "ein begnadeter Mundartinterpret".
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