Raffinierte Müßiggänger

Die Rampenfieber-Schauspielgruppe präsentierte unter der Leitung ihres Regisseurs Winfried Steinl das Stück "Leonce und Lena" von Gerhard Büchner vor einem ungewöhnlichen Hintergrund: im Innenhof des Landgerichts.

Ein Prinz soll eine Prinzessin heiraten. Geschichten dieser Art erzählten schon viele. Aber es kommt auch darauf an, wer: Wenn sich Winfried Steinl Georg Büchner widmet, dann dürfen sich die Zuschauer sicher sein: Der Rampenfieber-Regisseur holt aus der Story alles raus.

"Leonce und Lena" ist die wunderbare Geschichte der Liebe zwischen dem Prinzen Leonce vom Reiche Popo und der Prinzessin Lena vom Reiche Pipi. Das Stück feierte am Freitagabend im Innenhof des Landgerichts Premiere.

Prinz haut ab nach Italien, Prinzessin entschließt sich zu selbigem Tun. Sie treffen sich zufällig, finden sich ganz in Ordnung und kommen irgendwie dann doch zusammen. Ein bisschen Gesellschaftskritik, ein paar skurrile Charaktere - und fertig ist ein Theaterstück. So klappt's eigentlich immer, egal ob Büchner, Komödienstadel oder Shakespeare. Bei Winni Steinl darf man sich nicht wundern, dass er mit seiner super eingespielten Rampenfieber-Theatergruppe aus Büchners "Leonce und Lena" alles schöpft, was bemerkenswert ist. Für seine Bühnenfassung fischte er nach weiteren Büchner-Texten, holte sich Schauspiel-Metzger Herbert Hottner ins Boot, der von seinem Bühnenerfolg "Heute kein Hamlet" Texte dazu steuerte und reservierte für Landgerichtspräsident Dr. Wolfgang Schmalzbauer einen Auftritt. Dieser durfte als Experte den lateinisch-juristischen Begriff "in effigie" (in Stellvertreter-Funktion) erklären.

Steinl selbst auf der Bühne

Vielschichtig, faszinierend und unterhaltsam inszenierte Steinl zwischen Stahlgestänge und Leuchtstrahlern originelle Bilder mit Körpern und Sprache, Mimik und Gesang. Er steckte seine Schauspieler auf der angeschrägten Bühne in Lack und Leder, Samt und Brokat, Spitze und Sackleinen, ja auch in Unterhose, Modell Feinripp, mit Eingriff und Schnürmieder. Am Ende erklomm er sogar selbst im schwarzen Gehrock als Schulmeister die Bretter, die die Welt bedeuten, und stimmte das arme Volk auf Vivat-Rufe für das hohe Paar ein.

Die Prinzenrolle vergab er doppelt. Dem pfiffigen Vorhangzieher überließ er die Bühnengestaltung mittels Luftschlange (reichgeschmückter Saal) oder Blumenspicker (ein Garten). Im Dreivierteltakt näherte sich die muntere Truppe dem weisen Spruch "vielleicht ist es so - vielleicht ist es nicht so", das vielsagende Wassermelonen-Menetekel kam im Tangoschritt mit Gitarre, Geige und Cello daher. Die Funiculi-Funicula-Tarantella grölten die Prinzen und Valerio natürlich nicht im italienischen Original, sondern im schönsten oberpfälzisch "Schau hi, dou liegt a douder Fisch im Wasser, den mach ma hi...". Die Steinl-Mixtur fiel bei den Rampenfieber-Spielern auf fruchtbaren Boden. Sie gingen mit, blühten auf, steigerten sich in Frost- und Frierszenen (hervorragend Valerio: Andreas Guckenberger). Die beiden Prinzen Leonce (Jürgen Huber, Alexander Röckl) spiegelten sich selbst mit sehr dynamischem Spiel. Lockenkopf, Krönchen und Schmollmund passten perfekt zum romantischen Naivchen, Prinzessin Lena (Christina Porebski).

Viel Applaus für Premiere

Die erotische Antwort dazu lieferte Rosetta (Brigitte Dotzler). Der in überholten Konventionen erstarrte König Peter (Wolfgang Schrüfer) wollte sich am Ende dem Denken und die beiden Gouvernanten (Maria Dirnberger, Dagmar Müller) der Lust hingeben. In unterschiedlichen Rollen, einmal als Landrat, Bediente, Zeremonienmeister, marionettenhafter Hofstaat und Musiker gefielen ganz außerordentlich gut: Peter Schmitt, Burkhard Häusler, Ingrid Biebl, Michael Schormüller, Nadine Hofmann, Julia Kalb und Stefan Flierl. Thoralf Kotlenga verknotete gekonnt die Stromleitungen für Licht- und Bühnentechnik.

Zufall oder Vorsehung, Ernst oder Spiel, Ironie, Müßiggang, Langeweile - die Premiere mit Tafelbild und Pappkameraden im sachlich-kühlen Innenhof-Rechteck des Landgerichts lieferte von allem etwas. Das Spiel kam bestens an.
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