Rettung 108 Meter über dem Erdboden

Die Tür der Nabe öffnet sich, die Rotorblätter stehen still - die spektakuläre Übung in Pilsach (Landkreis Neumarkt) kann beginnen. Bild: Petra Hartl

Sich während der Arbeitszeit abseilen? Das sehen Chefs überhaupt nicht gerne. Vor allem nicht bei Praktikanten. Maximiliane Appelrath bekommt aber genau diese Anweisung. Die 23-Jährige muss sich in 108 Metern Höhe aus einer Windkraftanlage retten lassen.

Pilsach. Noch weiß Maximiliane Appelrath nicht, welche fingierte Krankheit oder Verletzung sie haben wird. Ein gebrochenes Bein, einen Kreislaufzusammenbruch oder vielleicht eine nur sehr schwer zu stoppende Blutung? "Das erfahre ich erst oben", sagt die junge Frau, die aus Tübingen stammt, in Ulm Energiesystemtechnik studiert und deswegen bei der Regensburger Firma Windpower derzeit ein Praktikum absolviert.

Mit "oben" meint die 23-Jährige eine 108 Meter hohe Windkraftanlage bei Pilsach im benachbarten Landkreis Neumarkt, der mit 48 Rotoren aktueller Spitzenreiter in der Oberpfalz ist. Insgesamt 30 Höhenretter aus Nürnberg, Regensburg, Straubing und Ingolstadt probten an diesem Standort den Ernstfall, den es so noch nicht gab. "Gott sei Dank", sagt Neumarkts Kreisbrandrat Anton Bögl, der einen neugierigen Kollegen an seiner Seite hatte - Fredi Weiß, Amberg-Sulzbacher Kreisbrandrat. Denn eine vergleichbare Übung stand an einer der 22 Anlagen unserer Region bisher nicht auf dem Plan.

"Ich freue mich drauf"

Während Fredi Weiß draußen erzählt, dass im Extremfall eben jene Höhenretter aus Nürnberg oder Regensburg beispielsweise in Kastl, Illschwang oder Witzlricht eingreifen müssten, bereitet sich Maximiliane Appelrath im Inneren auf ihren ungewöhnlichen Arbeitstag vor. Ob sie wusste, dass sie während ihrer Windpower-Schnupperphase aus über 100 Metern abgeseilt werden würde? Sie habe gehofft, dass sie einmal so weit nach oben darf, sagt die 23-Jährige, die nervös ist, das aber gut verbergen kann und einen entschlossenen Eindruck macht: "Ich freue mich drauf."

In Relation zu der wuchtigen Rotornabe und ihren Blättern sind die Rettungskräfte kleine Männchen – die dennoch Großes vollbringen. Bilder von Petra Hartl.



Kaum hat Sebastian Kahl, der Leiter der Höhenrettung bei der Nürnberger Berufsfeuerwehr, den letzten Karabiner eingehakt, geht es für die Praktikantin auch schon nach oben - im Aufzug. Das Klettern bleibt ihr erspart, da ist ihr Chef Clemens Reichl Gentleman. Sollte wegen des Notfalls der Strom langfristig ausfallen, müssen die Retter zunächst Stufe für Stufe nach oben. "Da muss man schon gut trainiert sein", gibt Kahl zu bedenken. Reichl ergänzt: "Als normaler Arbeiter geht das so nicht. Da muss man Pausen machen."

Das gelte vor allem für die Monteure, die zwar eine Höhen-Ausbildung absolviert haben, aber keine geschulten Retter sind. Dennoch müssen sie sich im Notfall zunächst gegenseitig versorgen können, bis die Profis vor Ort sind. Das kann laut Sebastian Kahl sehr schnell gehen, denn sie können auch mit dem Hubschrauber eingeflogen werden. Um Leben zu retten, müssen sie aber auf jeden Fall in die Anlage. Direkt aus der Luft seien ihnen die Hände gebunden.

Acht Stunden sind für die Übung, eingeplant, zwei für den theoretischen und sechs für den praktischen Teil. Unter den Augen der Verantwortlichen von Feuerwehr, Betreibergesellschaft, Gewerbeaufsicht und Berufsgenossenschaft werden laut Clemens Reichl alle denkbaren Szenarien durchgespielt - mit einer Ausnahme. Sollten während eines Brandes Schwerverletzte zu bergen sein, gibt es ein Problem. Ein sehr großes sogar, wie Fredi Weiß vor Ort erklärt.

Weil Teile wie die Rotorblätter herabfallen können, müssen 500 Meter Sicherheitsabstand eingehalten werden. Für die Feuerwehr sei es dann unmöglich, aus dieser Entfernung in 100 Metern Höhe zu löschen. "Dann muss man sicherheitshalber abbrennen lassen", lässt Fredi Weiß wissen.

Dieses Szenario hält der Kreisbrandrat für sehr unrealistisch, denn bis dato habe es in den Anlagen der Region weder ein Feuer noch schwere Verletzungen gegeben. Dass sich beides zeitgleich ereigne, sei zwar möglich, aber nur theoretisch. Denn die Feuerwehren und Anlagenbetreiber treffen bereits im Vorfeld unzählige Sicherheitsmaßnahmen. Vor allem im Landkreis Amberg-Sulzbach, der flächendeckend auf Doppelschließanlagen setzt. Weiß: "Wir sind nicht die Ersten und auch nicht die Einzigen, aber viele machen das nicht."

Das heißt konkret: Bei allen 22 Windrädern gibt es zwei Schlüsselzylinder - einen für den Betreiber und einen für die Feuerwehr, die damit mit dem Löschen beginnen kann, bevor der Betreiber den Höhenrettern und Ärzten Zugang verschafft. Die Feuerwehren müssten also die Stahltüren nicht mit Gewalt öffnen und dadurch wertvolle Zeit verlieren. Die Anlagen seien nämlich immer zugesperrt, selbst dann, wenn Arbeiter oder Monteure am Werk sind - damit keine Laien Zutritt bekommen. Es sei denn, sie sind Praktikantin und heißen Maximiliane Appelrath.

Nach 30 Minuten war die 23-Jährige gesund und munter auf dem Boden zurück. "Schön war's", lautete der erste Kommentar, den die Studentin aber gleich relativierte: "Ich würde das gerne mal wieder machen. Aber bitte nicht gleich morgen." Und ihre Verletzung? "Nichts Genaues. Ich war einfach nur handlungsunfähig."
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