Richtig brummen müsst's halt

Wie viele Leute braucht ein Dorf, um einen 43 Meter langen Stamm durch den Ort zu tragen? Diese Frage muss offen bleiben. Auf jeden Fall brauchen sie einen, der das Kommando hat und eine Blasmusik. Bilder: gth (2)

Auf ihre Traditions-Kirwa lassen die Raigeringer natürlich nichts kommen. Doch nun machen sie sich ernsthafte Sorgen, ob sie noch stimmgewaltig genug sind.

Raigering. (gth) "Wenn d'Racheringer kumma, nou muaß die Welt brumma, und brummt die Welt niad, sans die Racheringer niad." Genau dieses Brummen, das typische Raigeringer Gemisch aus dem Gesang von Schnodahüpfln, dem Schnittlauch-Akkordeon und dem Burschen-Gegurze, war vor der Raigeringer Kirwa nur sehr leise zu hören. Denn eine wichtige Traditionspflege rund um dieses Fest verliert mangels Gelegenheiten an Bedeutung. Die Weitergabe der althergebrachten Schnodahüpfeln von Generation zu Generation erfolgte durch den gemeinsamen Gesang bei einem gemütlichen Beisammensein.

Doch wann setzen sich heute noch junge Leute an einem Tisch, um zu singen? In Raigering gibt es über 200 überlieferte, im Ort einst gepflegte Gesangsstrophen. 40 davon gehören zum normalen Kirwa-Kanon. Also mussten heuer die Alte-Herren-Kirwaburschen ihre Stimmgewalt etwas kräftiger einsetzen, um die Neulinge der Gilde mitzureißen. Zusätzlich halfen als stimmliches Hintergrundrauschen aktive Burschen mit, so dass der Gesang voluminöser klang. Damit war dieser Teil der Raigeringer Kirwa mal wieder gerettet.

Zunächst waren eigentlich weniger die Stimmbänder, sondern Muskeln gefordert. Im Stadtwald bei Pursruck, bekannt für seine kräftigen Kirwabäume, holten die Burschen am Mittwoch einen Stamm mit 43 Meter Länge. Gestiftet hat dieses Exemplar, wie es sich gehört, der Oberbürgermeister, Michael Cerny also. Das soll ein Relikt der Gebietsreform 1972 sein. So erzählen sich die Alteingesessenen, dass sich damals die Raigeringer Gemeinderäte haben versprechen lassen, dass der Kirwabaum alljährlich vom Amberger Stadtoberhaupt gestiftet werden muss, sonst wäre es nichts geworden mit der Eingemeindung.

Halligalli steht hinten an

Schon diese Anekdote zeugt von der Bedeutung der Kirchweih für das dörfliche Leben. Nicht umsonst wurde der Racheringa Kirwa bescheinigt, die größte Traditionskirchweih der Oberpfalz zu sein. Viel Tradition, wenig Stimmung wird deshalb lästernd diesem Fest nachgesagt. Womöglich stimmt es sogar, dass bei einer bloßen (Bier-)Zeltkirwa die Gaudi augenscheinlich höher ist. Doch was für eine? Die Raigeringer pflegen lieber das gemeinschaftliche Wir-Gefühl zwischen Alteingesessenen, Jungburschen und Zug'roasten, Halligalli steht im Hintergrund.

Kondition vonnöten

Daher gelten auch die weniger überlaufenen Tage als Höhepunkte. Wie heuer beispielsweise der Kirwamittwoch. Noch bevor der Baum überhaupt auf dem Festplatz angekommen war, stimmten die Raigeringer Musikanten ihre Instrumente an. Am Freitag legten D'Spalter noch eine Schaufel drauf. Schließlich kommt deren erster offizieller Fanclub ausgerechnet aus Raigering.

Das Baumaufstellen verzögerte sich heuer und dauerte dafür umso länger. Die Knoten der Schwalben waren falsch gebunden und mussten noch einmal in Angriff genommen werden. Mit über zwei Stunden Verspätung packten dann über 60 Raigeringer an, um den 43-Meter-Baum in die Senkrechte zu bringen. Erst kurz vor 23 Uhr war das Werk unter der Anleitung von Werner Biehler und Roland Erras vollbracht.

Der gestrige Kirwasonntag ist der Festtag der Kirwapaare und damit der Höhepunkt dieser Feier schlechthin. Frisch herausgeputzt trafen sich die Kirwaburschen mit ihren Moidln bei Kassier Michael Wischert. Dort stärkten sie sich nochmals mit Kücheln. Der heimische Bräu Martin Sterk scheute heuer keine Kosten und engagierte mit den Tanngrindler Musikanten eine Oktoberfest-erprobte Kapelle. Unter deren Klängen zogen die Paare auf dem Festplatz ein und legten mit ihren Tänzen vor ein paar Hundert Zuschauern los. Dann ging es ab zum Kaffeetrinken, bevor die "Raigeringer Nacht der Nächte anbrach". Keiner darf und keiner will nach Hause. Die Nacht wurde durchgefeiert.

Morgen ist Schluss

Heute beginnt um 10 Uhr das Kirwabärtreiben durch den Ort. Der Sterk-Garten verwandelt sich zudem in einen großen Musikerstammtisch. Am Abend spielen die Bergwaldmusikanten. Morgen steht der Schlussspurt mit den Raigeringer Musikanten im Sterk-Garten an, gegen 22 Uhr dann das endgültige Aus: Geldbeutelwaschen.
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