"Schon ziemlich makaber"

Julia Hirschmann aus Edelsfeld ist auf ihren Elektro-Rollstuhl angewiesen. Treppen sind für sie deshalb ein Riesenproblem. Die 21-Jährige fordert die Stadt Amberg auf, gehandicapten Menschen "nicht weiterhin die Chance zu nehmen", das Theater zu besuchen. Bild: Huber
Lokales
Amberg in der Oberpfalz
19.05.2015
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"Ziemlich beste Freunde" im Leben und auf der Bühne: Mit ihren Mädels konnte Julia Hirschmann am Ende doch noch einen schönen Abend verbringen - nachdem er der Rollstuhlfahrerin (21) zuvor im Stadttheater vermasselt worden war. Sie hat dort die "wahre Barrierefrechheit" kennengelernt.

"Wir müssen hin!", dachten sich die sechs jungen Frauen, als sie davon hörten, dass im Stadttheater das Stück "Ziemlich beste Freunde" auf dem Programm stand. War der gleichnamige Film doch schon ein riesiger Publikumserfolg gewesen. "Natürlich haben wir beim Kartenvorverkauf nach einer Karte für Rollstuhlfahrer mit Begleitperson nachgefragt und bekamen als Auskunft, dass es einen - auch nicht gerade viele - Rollstuhlplatz gibt", erzählt die 21-Jährige aus Edelsfeld. Sie kaufte das Ticket.

Theaterabend gelaufen

Im Theater angekommen, "haben wir einen jungen Mann nach einem Aufzug beziehungsweise einem barrierefreien Eingang gefragt", berichtet Julia Hirschmann weiter. Sie sei dann zu einer Tür geschickt worden, bei der angeblich "jemand wäre", der sie zusammen mit dem Rollstuhl ein paar Stufen hinauftragen könnte.

Der 21-Jährigen schwante von da an nichts Gutes. Sie sollte Recht behalten: "Leider endete das Ganze tatsächlich so, dass wir die Vorstellung nicht besuchen konnten, weil ich mit meinem Elektro-Rollstuhl nicht ins Stadttheater hinein konnte", klagt Hirschmann (Link zum Artikel).

Zusammen mit der verantwortlichen Organisatorin, dem Techniker und zwei Feuerwehrleuten "suchten wir zwar nach Möglichkeiten, doch noch zu unseren Plätzen zu kommen". Aber "obwohl jeder von den Verantwortlichen und Mitarbeitern total freundlich war, sich mehrmals für die Situation entschuldigt und sich bemüht hat, fanden wir leider keine passende Lösung".

Damit war der Theaterabend für die sechs Mädels gelaufen. Julia Hirschmann rückblickend: "Wenn man die Situation einmal genau betrachtet, ist es schon ziemlich makaber, dass ausgerechnet eine Rollstuhlfahrerin mit ihren Freunden ein Stück, das von einem Mann und dessen Leben im Rollstuhl handelt, nicht besuchen kann, weil das Theater selbst für Rollstuhlfahrer nicht oder nur extrem eingeschränkt zugänglich ist. Ist das zu glauben?"

"Das kann es nicht sein"

Angeblich baue die Stadt Amberg ihr Theater ja schon seit 2010 barrierefrei um, merkt die Edelsfelderin an und äußert dazu folgende Kritik: "Das dauert aber ganz schön lange, oder nicht? In Wirklichkeit hat sie noch nicht einmal mit dem Umbau angefangen, weil anscheinend andere Dinge immer wichtiger sind. Mal ehrlich, das kann es doch nicht sein!" Es gebe mit Sicherheit viele Rollstuhlfahrer, die sehr gerne ins Stadttheater gehen würden, "es aber leider nicht können, weil es von Treppen nur so wimmelt".

Laut Erzählungen sei es bisher "üblich" gewesen, dass die Leute, die mit einem (Aktiv-)Rollstuhl kamen, von den Technikern oder anderen starken Männern rauf- oder runtergetragen wurden. "Diesen Umstand hätte man uns ja auch vorher auf jeden Fall mitteilen können oder müssen, schließlich haben wir beim Kauf der Karten bei der Tourist-Information bezüglich meines Rollstuhls nachgefragt", bemängelt die 21-Jährige. "Dann hätte man zumindest darauf vorab irgendwie noch reagieren können." Nichtsdestotrotz dürfe das "aber keine Dauerlösung und kein Anspruch für eine Stadt sein, die rollstuhlgerecht und barrierefrei sein möchte und vor kurzem ein Inklusionsbündnis zur Integration von Menschen wie mich gegründet hat".

Appell an die Stadt

Julia Hirschmann appelliert an die Stadt Amberg, den Umbau nicht weiter in die Zukunft zu schieben: "Nehmen Sie Rollstuhlfahrern und gehandicapten Menschen nicht weiterhin die Chance, ein Theaterstück zu besuchen. Seien Sie ein Vorbild für andere Städte, denen es genauso geht, und kümmern Sie sich endlich um ein barrierefreies Stadttheater!"

Eines will Julia Hirschmann auf keinen Fall unerwähnt lassen: dass der Abend dank ihrer Freundinnen doch noch "schön und lustig" wurde. "Denn die sind solidarisch auch nicht ins Theater gegangen, obwohl für sie die zahlreichen Stufen nicht unüberwindbar gewesen wären. Das sind einfach ziemlich beste Freunde - in jeder Art und Weise!"
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