Sechs junge Männer rotten sich zusammen und verfolgen Opfer
Wuchtige Schläge und Handkuss

Die Verfolgungsjagd in der Innenstadt dauerte 20 Minuten. Dann waren die Opfer regelrecht eingekesselt, bekamen Hiebe, mussten Übergriffe erdulden. Völlig grundlos, wie sich bei einem Prozess gegen sechs Angeklagte ergab.

Mit einer Bemerkung am Rande der ganztägigen Verhandlung beschrieb Rechtsanwalt Jörg Jendricke die Begebenheit in einer Oktobernacht 2013 treffend: "Man kann sich nicht vorstellen, warum das passiert ist." Auch die sechs jungen Männer im Alter von 18 und 19 Jahren, die vor dem Jugendschöffengericht saßen, hatten keine einleuchtende Erklärung für ihre rüde Vorgehensweise. Einer von ihnen definierte sie so: "Es war eine Schweinerei von uns."

Erst gepöbelt

Weit nach Mitternacht standen zehn junge Leute nach mehr oder minder großem Alkoholgenuss am Marktplatz. Plötzlich liefen drei junge Burschen auf ihrem nächtlichen Heimweg vorbei. Fortan gerieten die Dinge aus dem Ruder. Plötzlich kam es zu Animositäten, wurde gepöbelt.

Dann ging das Trio seiner Wege. Aus der zehnköpfigen Gruppe lösten sich Augenblicke später spontan sechs Männer und setzten zur Verfolgung an, die zunächst bis hinauf zum Bahnhof und danach in die Obere Nabburger Straße führte. Warum? Als Richter Peter Jung zur vierstündigen Befragungen der Beschuldigten ansetzte, hörte er: "Ziel war es, sie zu schnappen und zu schlagen." Die Hetzjagd ging mit Taktik vonstatten. Die Verfolger teilten sich in zwei Gruppen zu je drei Mann, sie kesselten ihre Opfer regelrecht ein.

Keine Chance

Das passierte in der Militärspitalgasse - nur einen Steinwurf weit entfernt vom Amtsgerichtsgebäude, wo jetzt umfangreich nachgeforscht wurde, was weiter in jener Nacht geschah. Die drei Verfolgten begannen zu spurten, doch nur zweien gelang die Flucht. Ihr Freund (19) sah sich umringt, hatte keine Chance zum Entkommen, wurde mit Hieben malträtiert, bekam Tritte ab, trug einen Nasenbeinbruch davon.

Da schritt einer seiner in der Distanz wartenden Kumpels ein. "Hört auf", rief er, trat näher, wurde Augenblicke später ebenfalls Opfer. Auch er bekam Schläge. Was folgte, war unglaublich: Der junge Mann musste auf barsches Geheiß hin niederknien und die Hand eines seiner Peiniger küssen. Danach flüchteten die Täter, weil sich unterdessen herumgesprochen hatte, dass die Polizei anrückte. Nach und nach erst kam man auf ihre Identität, vernahm sie als Beschuldigte. Das dauerte allerdings Monate.

Vor Gericht verdeutlichte sich: Nur zwei der sechs hatten Schläge ausgeteilt. Die anderen versicherten, dass sie zwar an der Verfolgung beteiligt waren, danach aber nur Zuschauerrollen einnahmen. Auch an ihre Adresse gerichtet, sagte Staatsanwältin Susanne Pamler: "Es kann doch nicht sein, dass man Menschen grundlos quer durch die Stadt hetzt."

Tiefes Bedauern, Entschuldigungen im Gerichtssaal, Geldübergaben für erlittene Schmerzen. Dies signalisierte den Richtern, dass bei den Beteiligten Nachdenklichkeit eingekehrt ist. Den Läuterungsprozess der Einsicht in eine fast schon unerklärliche Vorgehensweise unterstrichen die Verteidiger Julia Lassmann-Rampf, Jörg Jendricke, Ekkehard Zink, Michael Schüll, Manuela Ernstberger und Rudolf Pleischl.

Zwei Haupttäter

Das Jugendschöffengericht verhandelte bis in den Abend. Dann erst Verfahrensdauer die Urteile verkündet. Einer der zwei Haupttäter bekam zwölf Monate mit Bewährung, er muss außerdem drei Wochen in den Jugendarrest. Sein Komplize, der ebenfalls zuschlug, erhielt neun Monate mit Bewährung und zwei Wochen Arrest. Die Richter legten ihrer Entscheidung den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung zugrunde. Die vier weiteren Angeklagten, die sich zwar an der Jagd beteiligt, aber nicht aktiv in die Schlägerei eingegriffen hatten, müssen jeweils für eine Woche in den Arrest - wegen einer Unterstützungshandlung.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2014 (9311)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.