So fühlt sich Diskriminierung an

Schriftsteller, Referent, Übersetzer und Journalist: der türkischstämmige Deutsche Nevfel Cumart. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Bild: hfz

Der deutsche Lyriker, Turkologe und Islamwissenschaftler Nevfel Cumart ist für viele Zehntklässler der erste Dichter, der ihnen leibhaftig gegenübersitzt. Dem Aussehen nach würden ihn etliche ganz unreflektiert als Türken einordnen.

Cumart ist auf Einladung des Arbeitskreises "Schule gegen Rassismus" ans Max-Reger-Gymnasium gekommen, um aus seinen Gedichten zu lesen und vom schwierigen Leben eines jungen Migranten zu erzählen. Seine Eltern sind einst als türkische Arbeitsmigranten nach Deutschland gezogen, wo dann der Sohn Nevfel geboren wurde und zweisprachig aufwuchs.

Gleich zu Beginn verblüfft der Gast seine Zuhörer mit der Feststellung, ihm wäre ein typisch türkischer Name viel lieber, wie Ali oder Hassan. Mit seinem Vornamen habe der deutsche Standesbeamte gar nichts anfangen können, so dass der kleine Nevfel bis zu seinem 14. Lebensjahr offiziell als Mädchen galt. Noch heute kann er darüber herzhaft lachen - und die Neugierde vieler Zuhörer wächst. Sein Vorschlag, Liebeslyrik vorzutragen, wird mit zustimmendem Schmunzeln und Gelächter quittiert.

"Die Höhle", eines seiner ersten Gedichte, erzählt von der Geborgenheit, die der damals 17-jährige Cumart in seiner ersten Liebe fand. Doch die äußeren Umstände dieser Beziehung waren alles andere als rosig, denn der deutsche Vater seiner Freundin ließ ihn, einen "Türkenlump", nicht ins Haus. Und schon sind seine Zuhörer mittendrin im Leben eines jungen Mannes türkischer Herkunft, der in seinen Gedichten ironisch zum Ausdruck bringt, wie es sich anfühlt, wenn man als türkischstämmiger Deutscher diskriminiert wird. Immer wieder erlebt er es, mit lauter Stimme in gebrochenem "Tarzandeutsch" angesprochen zu werden. Doch Cumart verbittert nicht.

Scherz ist ihm ernst

Die Liebe zu Büchern und die Lust an der deutschen Sprache führen ihn zum Schreiben. Ein deutsches Ehepaar unterstützt ihn, seinen eigenen Weg zu gehen, nach dem Abitur zu studieren und als deutscher Akademiker seine Zukunft zu gestalten. Den Zuhörern gegenüber hält er sich nicht mit Ratschlägen zurück. Zum Beispiel: "Schließt im Leben alles ab, die Schule, das Studium und das Fahrrad!" Im Scherz steckt der ernste Hintergrund, haben doch viele Migrantenkinder in Deutschland keinen Schulabschluss.

Cumart sucht das Gespräch mit den Jugendlichen, er bittet sie, ihn jederzeit zu unterbrechen, denn sie würden ihn sowieso nicht aus dem Konzept bringen, da er ja keines habe. An dieser Stelle muss man ihm widersprechen: Er hat sehr wohl eines, das er mit viel Engagement verfolgt. Allen Menschen mit Respekt begegnen, sich wehren gegen Rassismus und Diskriminierung jeder Art, Brücken bauen zwischen Menschen und ihren verschiedenen Kulturen - das ist Cumarts Konzept, dafür bekam der Schriftsteller 2014 auch das Bundesverdienstkreuz.

Feindliches Verhalten

Viele Zuhörer melden sich zu Wort und richten den Fokus auf die in Deutschland zu beobachtende Ausländerfeindlichkeit. Mit einem Blick auf die steigende Zahl von Asylbewerbern - oft Verfolgte aus Kriegsgebieten und Diktaturen - und auf eine immer älter werdende Gesellschaft, die dringend qualifizierte Arbeitskräfte benötigt, endet die Lesung.
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