So schütze ich die Mitarbeiter und den Betrieb: Experten der Handwerkskammer geben im ...
Ein Arbeitsunfall kann alles auf den Kopf stellen

Über eine Million Arbeitsunfälle ereignen sich in Deutschland pro Jahr. "Das Handwerk ist mit über einem Drittel davon der am meisten betroffene Wirtschaftsbereich", betonte Franz Greipl, Vizepräsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, die Dringlichkeit des Themas. Um Firmen zu helfen, bietet die Handwerkskammer an zwölf Standorten in Ostbayern die Veranstaltungsreihe "Betriebsführung aktuell 2015" an: mit dem Thema "Arbeitssicherheit im Handwerk - wie schütze ich meinen Betrieb und meine Mitarbeiter?".

In das ACC kamen dieser Tage rund 150 Handwerker, um sich zu informieren. "Auffällig ist, dass innerhalb der Handwerksberufe nicht nur die vermeintlich gefährlichen Branchen tangiert sind", so Greipl. "Unfallstatistiken beweisen eine fast gleichmäßige Verteilung auf alle Berufe." Ein Unfall könne dem Betrieb schwere Schäden zufügen. Neben den Sorgen um den Mitarbeiter seien das auch harte wirtschaftliche Folgen, verursacht durch Personalausfall, Vertragsstrafen, Umsatzeinbrüche oder Liquiditätsprobleme.

Immer verantwortlich

Klarheit in den "Vorschriftendschungel" brachte Reinhard Gaber, der bei der Kammer als Arbeits- und Sozialrechtsberater tätig ist. Rechtliche Pflichten gebe es im Arbeitsschutz viele. "Der Gesetzgeber nennt den Unternehmer als ersten Verantwortlichen für den Arbeitsschutz", stellte Gaber klar. Er müsse erforderliche Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen treffen, diese überprüfen und sie gegebenenfalls ändern. "Doch es gibt die Möglichkeit, Aufgaben an geeignete Personen zu delegieren."

Frei von Verantwortung sei ein Unternehmer aber nie. "Verstöße gegen die arbeitsrechtlichen Pflichten können weitreichend sein", erklärte der Berater. "In gravierenden Fällen trifft das Strafrecht nicht nur den Mitarbeiter, der den Schaden verursacht hat. Ebenso in der Hierarchie weiter oben angesiedelte Personen können belangt werden." Bei einer Missachtung von Vorschriften könne schnell ein vierstelliger Betrag als Strafe fällig werden. "Ein Unfall muss da nicht einmal eintreten", weiß Gaber. Handelt ein Mitarbeiter vorsätzlich, habe der Arbeitgeber das Recht auf Abmahnung bis hin zur Kündigung. "Außerdem haftet der Angestellte dann auf Schadenersatz."

Bei einem Unfall werde zuerst die Schuldigkeit des Unternehmers geprüft, sagte Josef Gimpl, Aufsichtsperson der Berufsgenossenschaft Holz und Metall. "Fragen Sie sich also immer: Kann ich guten Gewissens sagen, dass ich nicht schuld bin?" Seit 1996 fordere der Gesetzgeber von jedem Unternehmer, eine sogenannte "Gefährdungsbeurteilung" zu erstellen. "Oft werden Betriebe erst nach einem Unfall aktiv." Eine Gefährdungsbeurteilung funktioniere allerdings vorausschauend.

Mit Mitarbeitern reden

Das Ziel der schriftlichen Analyse sei es, alle physischen und psychischen Gefährdungen zu ermitteln, zu beurteilen sowie Unfall- oder Erkrankungsursachen frühzeitig zu beseitigen. "Mein Tipp: Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern darüber, sie kennen meistens die Gefahrenquellen, die in Ihrem Betrieb lauern."

Vor allem dürfe es nicht bei einer "Erst-Beurteilung" bleiben. Stattdessen müsse man bei Veränderungen im Betriebsablauf oder nach der Anschaffung neuer Maschinen seine Ergebnisse immer wieder anpassen. Denn: "Tritt ein Unfall ein, wird zuerst geprüft, ob Sie eine aktuelle Dokumentation haben", so der Experte.

Die meisten Unfälle kommen nicht im technischen Bereich vor, sondern "passieren aus organisatorischen Gründen - aufgrund unrealistischer Zeitplanungen, Betriebsblindheit oder wegen schlecht informierter Mitarbeiter". Entscheidend ist laut Gimpl zudem, dass ein Unternehmen eine "gelebte Wirklichkeit" beweisen könne.
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