Sprung aus Zug nach Auschwitz

Bernhard Berger (Mitte) überlebte den Holocaust, weil er sich selbst mit einem Sprung aus dem Zug nach Auschwitz rettete. Obwohl die Bewacher sofort schossen, glückte ihm und vier anderen die Flucht. Sie versteckten sich auf einem Bauernhof - bis die Rote Armee vorrückte. Heute vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit. Über Prag und München kam Bernhard Berger schließlich in die Oberpfalz und ließ sich in Sulzbach-Rosenberg nieder, wo er einen Pferdehandel betrieb. Berger starb 1992. Bild: privat

Als die Retter kamen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens: Hinter dem Tor mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" waren noch rund 7000 Häftlinge, dem Tod näher als dem Leben. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz - ein Ort, der seitdem ein Synonym für den Holocaust geworden ist. Bernhard Berger, der Großvater des Amberger Rabbiners Elias Dray, hatte Glück, viel Glück. Er überlebte den Holocaust.

Bernhard Berger wuchs in jener Stadt auf, die später zum Inbegriff der Barbarei, der Unmenschlichkeit, der industriellen Vernichtung von Menschen wurde: Auschwitz. Als er am 15. Oktober 1921 geboren wurde, hieß Auschwitz noch Oswiecim. In dem Ort, rund 50 Kilometer westlich von Krakau gelegen, lebten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs etwa 12 000 Menschen, darunter etwa 7000 Juden. Dort verbrachten Bernhard Berger, sein Bruder und seine Schwester ihre Kindheit und Jugend. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen änderte sich das Leben für die Familie schlagartig, sie kam in ein Ghetto, später dann - getrennt voneinander - in verschiedene Sammellager.

Aus dem Zug gesprungen

Im Oktober 1944 sollte Bernhard Berger deportiert werden, in seine Geburtstadt, wo sich das größte Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis befand. Auschwitz war längst zu einer Mordmaschinerie geworden, zwischen März 1942 und November 1944 wurde dort rund eine Million Menschen systematisch in den Gaskammern getötet, die Leichen in den Krematorien verbrannt. Juden aus ganz Europa, aber auch Sinti und Roma wurden tagtäglich in Viehwaggons gepfercht und nach Auschwitz gebracht.

"Mein Großvater wusste, dass Auschwitz nur eines bedeutete: Vernichtung", sagt Elias Dray. Während der Zug durch das besetzte Polen in Richtung Auschwitz rollte, entschied Berger sich etwas zu tun, was lebensgefährlich, aber die einzige Chance war, den Nazis zu entkommen und doch zu überleben: Er sprang aus dem Zug. "Sie sind damals zu fünft geflohen, mein Großvater und vier andere", erzählt Elias Dray. Obwohl die Bewacher sofort das Feuer eröffneten und schossen, glückte die Flucht. "Sie haben sich dann auf einem Bauernhof versteckt." Dort harrten sie aus - in ständiger Angst, denn jederzeit hätten sie entdeckt werden können. "Die Gefahr war natürlich groß", erzählt der Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Amberg.

Nach Kriegsende ging Bernhard Berger nach Prag. "Dort lernte er meine Großmutter kennen", sagt Dray. Das Paar zog nach München, erfuhr, dass Bergers Schwester und Bruder in Schwarzenfeld lebten. So kam die Familie in die Oberpfalz, zunächst nach Amberg, dann nach Sulzbach-Rosenberg, wo Bernhard Berger einen Pferdehandel betrieb. Über die Zeit der NS-Schreckensherrschaft sprach er nicht viel, "nur manchmal hat er davon erzählt", erinnert sich sein Enkel. Wichtig sei seinen Großeltern gewesen, dass Essen nicht grundlos weggeworfen werde - sie hatten schließlich Zeiten erlebt, wo sie hungern mussten. Bernhard Berger und seine Geschwister haben ihre Eltern nie wieder gesehen - sie wurden von den Nazis ermordet, ungewiss ist, wo und wann sie starben.

Heute der 70. Jahrestag

Heute jährt sich der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zum 70. Mal. Nur noch wenige Zeitzeugen, die der Mordmaschinerie im Dritten Reich entkamen, sind heute noch am Leben. "Auschwitz darf nicht vergessen werden", mahnt Rabbiner Elias Dray. Denn würde es vergessen, laufe man Gefahr, dass es wieder passieren könne, fürchtet er. (Hintergrund)
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