St. Martin enthüllt Turmschatz

Schon im Juli hatten Stadtpfarrer Franz Meiler (rechts) und Metallfachmann Stephan Baumgartner (links) sowohl die rechteckige Plombe von 1725 als auch die röhrenförmige von 1838 im kleinen Kreis geöffnet. Gestern stellten sie den Inhalt erstmals öffentlich vor. Bilder: hfz (2)

"So einen Termin gibt es nur alle paar Hundert Jahre", schwärmte Josef Beer. Umso aufgeregter war der Kirchenpfleger von St. Martin, als er gestern zusammen mit Stadtpfarrer Franz Meiler und weiteren Beteiligten den historischen Inhalt zweier besonderer Plomben vorstellte. Sie waren bei der Kuppelsanierung an oberster Turmspitze aufgetaucht.

Um die Sache rund zu machen, war es die große Kupfer-Kugel - sie hängt in rund 90 Metern Höhe gleich unter der Wetterfahne der Basilika -, die diesen Schatz barg. Hier im hohlen Innenraum schlummerten die zwei Metallbehälter samt Inhalt aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Der eine stammt von 1725 und wurde damit zu einer Zeit eingebracht, als der spanische Erbfolgekrieg dem Martinsturm schweren Schaden zugefügt hatte. Das Wahrzeichen musste großteils abgetragen und neu aufgebaut werden, wie Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger bei dem "historischen Termin" im Pfarrheim St. Martin sagte.

Mit Urkunde und Reliquien

Bei der Vollendung dieser Arbeiten kamen die damaligen Baumeister und Kirchenverantwortlichen auf die Idee, eine "kurze Nachricht über die Glocken und den neu erhobenen Turmbau" samt Segensbriefchen und mehr in der Kupfer-Kugel zu deponieren. Der Text ist eine in wunderschöner Handschrift verfasste, etwa DIN-A3-große Urkunde, die eingehüllt und versiegelt in extra Papier in der rechteckigen Zinnplombe die Zeit ebenso unbeschadet überdauert hat, wie die geschenkartig verpackten Segensbriefchen (sogenannte Breverl), Heiligenbilder, Amulette samt Kreuz sowie kleine Holz- und Textilstücke, die wahrscheinlich sogenannte Berührungsreliquien sind. Wobei das aufgeschnittene Wachssiegel und das aus späterer Zeit stammende Geschenkpapier darauf hindeuten, dass dieses Paket schon mal geöffnet wurde, wie Architektin Carola Setz verdeutlichte.

Eine "Kurze Nachricht Uber dißen von den Glocken an Neu Erhobenen Thurn Pau" efreut ganz Amberg: Auf der Turmspitze der Martinskirche, in der Kugel in der Wetterfahne, bargen Fachleute eine fast 300 Jahre alte Plombe mit Erinnerungsstücken aus der Zeit des Turmbaus. (Bilder: hfz)


1838 die zweite Plombe

Das war nach ihrer Auskunft ziemlich sicher 1838 gewesen - in dem Jahr, als die Wetterfahne beziehungsweise ihr morsch gewordener Kaiserstiel (die hölzerne Halteachse) erneuert wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde nämlich auch die zweite gefundene Plombe - ebenfalls aus Zinn, aber in Röhrenform - eingesetzt. Das belegt das enthaltene handschriftliche Protokoll vom "Einbruch der Wetterfahne", mit dem sich der Magistrat und die Kirchenverwaltung gemeinsam beschäftigt hatten. Auch ein ganzer und ein halber Gulden mit der Jahresprägung von 1838 bestätigen die Datierung der zweiten Plombe, die ebenso wie die erste gestern nach Präsentation mit ihrem kompletten Originalinhalt wieder verschlossen wurde.

Beide sollen laut Setz, Meiler und Beer an ihren Fundort zurückkehren. Aber natürlich nicht, ohne eine dritte Plombe von der aktuellen Turmsanierung hinzuzufügen. Auch sie wurde den Medienvertretern und weiteren Gästen gezeigt und im Beisein der "Zeugen" verschlossen (von Metallfachmann Stephan Baumgartner aus Haselbach, der auch die historischen Plomben geöffnet hatte).

Darin sind enthalten für die Nachwelt: der Kirchenverwaltungsbeschluss und die Beschreibung der seit 2012 laufenden Turmsanierung für rund 5,7 Millionen Euro samt Fotodokumentation, eine Zehn-Euro-Sondermünze zum 1000. Jubiläum von Leipzig mit der Jahreszahl 2015 sowie eine Archiv-CD unter anderem mit acht AZ-Artikeln über die Baumaßnahme von 2012 bis heuer.
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