Theologe referiert vor Häftlingen und beim EBW
Beifall für Eugen Drewermann in JVA

Für das Evangelische Bildungswerk (EBW) ist es schon seit über einem Jahrzehnt Tradition, den Paderborner Theologen und Tiefenpsychologen Eugen Drewermann jährlich nach Amberg einzuladen. Auf Wunsch des evangelischen Seelsorgers der örtlichen Justizvollzugsanstalt, Pfarrer Reinhard Schmitz, stattete der Gast diesmal auch den Gefangenen an der Werner-von-Siemens-Straße einen Besuch ab. Hinter den Mauern der JVA führte Drewermann am Mittwoch unter dem Thema "Menschen im Schatten? - Gott im Licht?" ein lebendiges Gespräch mit einer hochinteressierten Gruppe von Häftlingen.

Sie quittierten die Ausführungen des Theologen auch zu ihren Fragen am Ende mit einem lang anhaltenden Dankbeifall. Unter dem Thema "Vom Ungeheueren, ein Mensch zu sein" referierte der Theologe dann am Abend in der Aula des Berufsschulzentrums in Anlehnung an Hermann Melvilles Roman "Moby Dick", der in seiner Vielschichtigkeit und reichen Symbolik bekanntlich kein einfaches Werk ist. Psychologische, philosophische und religiöse Problemstellungen durchdringen sich in unterschiedlichen Handlungssträngen. Und alles dreht sich um den hasserfüllten Kapitän Ahab, der nur eines kennt: Rache an dem weißen Wal, dem Ungeheuer, das für alle inneren und äußeren Verletzungen bestraft und ausgerottet werden muss.

Eugen Drewermann referierte wieder in freier Rede vor einer aufmerksamen Zuhörerschaft nahezu zwei Stunden lang hoch konzentriert über das komplexe Werk. Er stellte den von Melville intendierten Zusammenhang zwischen dem gottlosen König Ahab in der Bibel und dem namensgleichen Kapitän auf dem Schiff her. Er erläuterte die Verbindung zwischen dem einzig überlebenden Schiffspassagier Ismael und dem vom frommen Abraham verstoßenen außerehelichen Sohn samt dessen Mutter Hagar und zeigte, dass endlich alle Personen der Schiffsmannschaft in ihren Emotionen und Handlungen Teil ein- und derselben Person und auch Teil unseres eigenen Ichs sind.

Leidenschaftlich griff der Seelsorger Drewermann die Intention des Roman-Schriftstellers auf, das Alte Testament nicht mehr länger als ein Buch zu lesen mit zementierten göttlichen Willensvorgaben, sondern als zusammengetragene Gotteserfahrungen und Begebenheiten mit offenem Ausgang. So zeigte er auf, dass die Bibel in ihren Gestalten von wirklichen Menschen erzählt und dass heute Menschen mit ihrem Schicksal die Bibel erzählen. Bücher können zu Begegnungen werden, die uns verändern und reifen lassen, meinte auch der 2. Vorsitzende des Evangelischen Bildungswerks, Siegfried Kratzer, in seinem Dank an den Referenten. Auch wenn für den einen oder anderen Zuhörer der Roman ein schwer zugänglicher Brocken war, die vielen Fragen im Anschluss an den Vortrag zeigten die gelungene Intention, wie der Vortrag mitten in die Probleme der Gegenwart führt.