Tullio Aurelio und seine "Bilder vom Jenseits"
Als Lebender im Reich der Toten

EBW-Vorsitzender Siegfried Kratzer (links) stellte im Saal des Paulaner-Gemeindehauses den Referenten und Buchautor Tullio Aurelio (rechts) vor. Bild: Dobler
Tullio Aurelio hat einen katholischen Verlag geleitet, ist aber zwischenzeitlich in vielen Fragen wohl zu kritisch für die Amtskirche. Denn nachdem er einmal dem Tod von der Schippe gesprungen war, hat er sich intensiv mit dem Jenseits beschäftigt. Was dabei herauskam, klingt in den Ohren der "Glaubens-Professionals", wie er Geistliche nennt, etwas schrill.

Dabei ist der ältere Herr mit dem italienischen Namen ein ganz ruhiger Typ, der mit leiser Stimme spricht und sich freut, wenn das Auditorium nicht zu groß ist, vor dem er auftritt. Die 40 bis 50 Interessierten, die sich im Saal des Paulaner-Gemeindehauses eingefunden hatten, waren als Zuhörerkulisse genau richtig, wie er versicherte. Eingeladen hatten Evangelisches und Katholisches Bildungswerk, und auch der Hospizverein war mit von der Partie, was bei dem Titel des Abends "Wir sterben und wissen nicht wohin" nahelag.

Begrenzte Lebenszeit

Wohin gehen wir, wenn wir tot sind? In den Himmel? Werden wir wiedergeboren oder ist mit dem Tod alles aus? Diesen Fragen ging der 70-Jährige in Amberg in bedächtiger Ausführlichkeit nach. Motiviert hat ihn die Nähe seines eigenen Todes, die er in seinem Leben erfahren hat. Nach einem Infarkt und einer Bypass-Operation hat er ein neues Herz erhalten und die Aussage, dass er nur noch eine begrenzte Lebenszeit zu erwarten habe. Seine persönlich-existenziellen Erfahrungen waren letztlich der Anlass, sich auf die Reise zu begeben durch verschiedene Ansätze aus Philosophie, alten Mythen und den großen Religionen. Die Zeit hernach beschrieb er so: "Monatelang war ich auf der Suche nach Antworten, was mich nach meinem Tod erwartet. Monatelang hielt ich mich als Lebender im Reich der Toten auf. Das Ergebnis ist grandios wie verwirrend zugleich: Es gibt nicht nur eine Antwort, sondern sehr viele und zum Teil höchst unterschiedliche."

Ausformuliert hat Tullio Aurelio seine Erkenntnisse in einem Buch, das dem Vortragsabend seinen Namen gab. Dort skizziert er die "Bilder vom Jenseits", wie sie sich in der Entwicklung der menschlichen Kulturen herausgebildet haben. Den christlichen Vorstellungen weist er dabei keine höhere Glaubwürdigkeit zu als anderen und zieht Verbindungslinien zu den Ideen der alten Ägypter und Hellenen, die als geistiger Steinbruch bei der Herausbildung der christlichen Dogmen gedient hätten. Skeptisch ist er auch gegenüber der vielbeschworenen "Seele" des Menschen. Dieses Wort komme in der Bibel praktisch gar nicht vor, hat er herausgefunden. Den Israeliten war ein ewiges Leben eh suspekt: "Nur Gott ist ewig, der Mensch nicht."

Ein fremder Gedanke

Auch Aurelio ist der Gedanke an ein ewiges Leben fremd geworden. Er hält die entsprechenden Texte aller Religionen bestenfalls für archetypische Bilder eines kollektiven Unbewussten - erzeugt aus dem Hoffnungsdenken vieler Generationen, jedoch ohne realen Hintergrund.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9610)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.