Überraschungspaket kommt aus der Luft - Angeklagte mit ellenlangen Vorstrafenregistern
Drogen im Sack über Gefängnismauern

Das Weihnachtsgeschenk kam quasi aus der Luft. Es flog über eine hohe Gefängnismauer und klatschte dann einem Vollzugsbeamten direkt vor die Füße. In dem grobmaschigen Gemüsesack befand sich eine feine Auswahl von Drogen, die den eingesperrten Empfängern das bevorstehende Christfest bestimmt verschönert hätte.

Heiligabend 2013 war nicht mehr allzu fern, als die Wurfsendung eintraf. Sie wurde umgehend im Hof des Amberger Gefängnisses sichergestellt. Dann kam die Kriminalpolizei, wurde nachgeschaut, was sich in dem normalerweise für Zwiebeln oder Kartoffeln gedachten Sack befand. Statt Gemüse kamen Produkte ans Tageslicht, die in der Justizvollzugsanstalt bekanntermaßen heiß begehrt sind: Heroin, Crystal Speed, Marihuana, Haschisch. Alles einzeln verpackt in sogenannten Plomben und damit gesichert vor winterlichen Witterungseinflüssen. Quasi als Zugabe befanden sich ferner ein Handy und ein Ladekabel in dem beschlagnahmten Weihnachtspaket.

Wer hat geworfen?

Wer erschien seinerzeit auf der anderen Seite der Mauer und setzte zum Wurf an? Obwohl keiner irgendwelche Beobachtungen gemacht hatte, saßen jetzt zwei junge Männer vor dem Schöffengericht. Der eine aus Plattling, der andere aus Regensburg. Sie kannten sich zwar angeblich nicht, hatten aber gewisse Gemeinsamkeiten: ellenlange Vorstrafenregister, diverse Haftaufenthalte, mit Rauschgift in Berührung gekommen. Der eine mehr, der andere weniger.

Wie kam man auf sie? Es stellte sich heraus: Polizei und Staatsanwaltschaft hatten bei ihren Ermittlungen die Drogenplomben, das Handy und das Ladekabel zum Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) geschickt. Dort machte sich eine Expertin auf die Suche nach DNA-Spuren. Und siehe da: Es gab zwei Treffer. Einer, gefunden am Ladekabel, konnte dem Mann aus Plattling zugeordnet werden. Der andere, entdeckt auf einer Plombe mit Heroin, stammte von dem in Regensburg wohnenden Angeklagten.

"Wir waren nicht in Amberg", gaben die Beschuldigten zu Protokoll. Bei dem 31-Jährigen aus Plattling konnte sich das sehr leicht nachvollziehen lassen. Er war seinerzeit in einem Bezirkskrankenhaus untergebracht. Wie aber kam seine DNA auf das Ladekabel? Die Debatten darüber dauerten lange. Sie wurden vom Gerichtsvorsitzenden Markus Sand so beendet: "Vielleicht hat er es einmal angefasst. Vielleicht, vielleicht - aber damit kann man keinen Nachweis führen." Die DNA-Spur des zweiten Angeklagten (28) befand sich auf einer mit Heroin gefüllten Plastikverpackung, die im Fachjargon Plombe genannt wird. Auch er zuckte mit den Schultern und erklärte den Richtern, dass er in einer Regensburger Wohngemeinschaft zusammen mit anderen Heroinabhängigen lebe. Da könne es schon sein, dass er den Stoff oder die Plombe einmal berührt habe. Auch das ließ sich vor Gericht nun nicht widerlegen.

Freispruch und Einstellung

Womit der eher unalltägliche Prozess an seinem Ende angelangt war. Das Verfahren gegen den Mann aus Regensburg wurde eingestellt, weil er ohnehin wegen eines Drogendelikts demnächst mal wieder längere Zeit hinter Gitter muss. Der Plattlinger bekam einen Freispruch. Allein schon deswegen, weil er nie und nimmer in Amberg gewesen sein konnte. Und so bleibt ungeklärt, wer das "Überraschungsei" zum Weihnachtsfest auf den Weg brachte.
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