Üble Tricks der Schieber-Mafia

Die "Märchenstunde" endete wie bei Rapunzel: hinter dicken Mauern. Zwei Jahre muss ein Tscheche ins Gefängnis, weil er aktiv bei organisierten Autoschiebereien half. Er sei unschuldig als Helfer angeheuert worden, behauptete der 40-Jährige vor Gericht.

Er war kalt, dieser Januartag. Auf dem Gelände eines Gebrauchtwagenhandels in Maxhütte-Haidhof erschien ein Mann, der sich mehrere Autos ansah und dann nach den Schlüsseln verlangte. Das Personal ahnte nichts Böses und fiel auf eine völlig neue Masche der organisierten Kriminalität herein. Denn kaum hatte der Unbekannte die Türen dreier Pkws geöffnet, um sich drinnen näher umzusehen, tauschte er die Originalschlüssel gegen andere aus. Die allerdings waren täuschend ähnlich und stammten wohl aus vorangegangenen Diebstählen im westlichen Europa. Da schöpfte keiner Verdacht. Der Herr mit Mütze ging wieder, wobei nun vor dem Amberger Schöffengericht die dringende Vermutung bestand, dass sich weitere Bandenmitglieder im Hintergrund aufhielten.

Gut 30 Stunden später kamen sie wieder. Jetzt ging es in der Dunkelheit zur Sache: Zwei Autos wurden mit den erbeuteten Originalschlüsseln vom Firmengelände gefahren, das dritte blieb stehen. Es war zugeparkt.

Nur einen erwischt

Die Täter, denen offenbar ein Begleitfahrzeug folgte, durchquerten mit einem VW Multi-Van und einem Opel (Gesamtwert: 30 000 Euro) den gesamten Landkreis Schwandorf, nahmen auf der A 6 Kurs in Richtung Waidhaus. Plötzlich wurden Zivilfahnder aufmerksam, überprüften das Kennzeichen des Vans und stellen fest: "Gestohlen". Daraufhin wurde der Kastenwagen gestoppt. Der Opel fuhr weiter. Er tauchte bis heute nicht wieder auf.

Am Steuer des VW-Van saß ein 40-jähriger Tscheche. Es war der Mann, der die Schlüssel getauscht hatte. Die Beamten nahmen sofort intensive Ermittlungen auf und brachten heraus: keinen Führerschein, als Dieb in Tschechien bekannt, Wagen kurz zuvor in Maxhütte-Haidhof gestohlen. Ab dann begann eine Art "Märchenstunde", die der Tscheche nun vor den Amberger Richtern wiederholte. Wichtigster Satz dabei: "Ich bin unschuldig."

Diese Formulierung kannte der Gerichtsvorsitzende Markus Sand. Er nahm zur Kenntnis, dass der Mann in einer schummrigen tschechischen Bar angeheuert worden sei und man ihm 1000 Kronen "für die Überführung" eines Autos gegeben habe. Arm, wie er nun mal gewesen sein will, sicherte der 40-Jährige seine Mithilfe zu. Kein Diebstahl, kein raffinierter Schlüsseltausch, nur ein Gefallen für einen gewissen "Vasil" aus der Ukraine. Vasil wer? Telefon unbekannt, keine Adresse.

Besagter "Vasil", so stellte sich im Prozess heraus, soll auch seine Finger im kriminellen Spiel gehabt haben, als in Amberg Autos geklaut und verschoben wurden.

Dann aber zog der Richter seine Trumpfkarten: Eindeutige DNA-Spuren des Tschechen an einem der ausgetauschten Schlüssel und Lichtbild-Identifizierung durch Angestellte des Gebrauchtwagenhandels. Da murrte der Mann, sprach von Spurenfälschung und großem Irrtum.

Noch gut weg gekommen

Kein Geständnis, aber beteiligt an organisierter Kriminalität: Zwei Jahre und vier Monate beantragte Staatsanwalt Daniel Gold. Freispruch hingegen wegen nicht erwiesener Täterschaft und sofortige Aufhebung des Haftbefehls verlangte Verteidigerin Julia Lassmann-Rampf. Das Schöffengericht schickte den Autodieb zwei Jahre hinter Gitter. Dabei sprach Richter Sand von einem Glücksfall für den Angeklagten. Denn weil seine Komplizen anonym geblieben seien, könne vom Gesetz her nicht von Bandendiebstahl ausgegangen werden. Und "Vasil" treibt noch immer sein Unwesen.
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