Unsterblich geht halt nicht

Leben endet zu 100 Prozent mit dem Tod. Das klingt fast schon grotesk banal. Wenn das aber ein Medizinhistoriker im Brustton der Überzeugung sagt, kommt Nachdenklichkeit auf, weil er auch über Aspekte der Unendlichkeit sprach.

(zm) Der Vortrag trug bezeichnenderweise als Titel ein Hippokrates-Zitat: "Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang". Kunst, das führte Prof. Dr. Karl-Heinz Leven zum besseren Verständnis aus, steht in diesem Fall nicht für ästhetisches Schaffen, sondern für medizinische Fertigkeiten. Also schon der Begründer der Medizin als Wissenschaft war der Überzeugung, dass sie stets ihren eigentlichen Gegenstand, den Patienten, überleben wird.

Rund 2400 Jahre später (Hippokrates um 460 bis um 370 v. Chr.) hat sich daran nichts geändert. Dessen ist sich natürlich auch Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), bewusst. Sein Vortrag bei den 36. Erlanger Universitätstagen trägt allerdings noch einen Titel-Zusatz: "(Un-)Endlichkeit aus medizinhistorischer Sicht". Leven ist ein breit gebildeter Mann. Außer Medizin hat er Geschichte, klassische Philologie und Romanistik studiert. Keinesfalls ist er ein Mystiker. Dort hört für ihn seine Zuständigkeit schnell auf und er verweist lieber an Theologen.

Medizin, wie der Vortragende sie versteht, setzt erst dort ein, als nicht mehr die Götter für Krankheit, Heilung und Gesundheit zuständig waren. Als Anekdote einer geistesgeschichtlichen Haltung ist für Leven jedoch durchaus reizvoll, dass Äskulap (oder Asklepios) als griechischer Gott der Heilkunst von Zeus mit dem Tode gestraft wurde, weil er einen Verstorbenen wieder zum Leben erweckt hatte. Unsterblichkeit, folgert der Medizinhistoriker daraus, ist also nicht einmal aus mystischer Sicht das Ziel von ärztlicher Behandlung. Linderung von Leid oder Beschwerden sowie Heilung von Krankheit aber sehr wohl.

Nett anzuschauen

Als weiterer Aspekt im Spannungsfeld von Medizin und Unsterblichkeit fasziniert Leven der Umstand, dass offenbar nicht enden sollendes Leben zwar als eine "ganz gute Sache" angesehen wird, "aber bitte nur als junger Mensch". Nett anzuschauen in dem Meisterwerk "Jungbrunnen" (1546) von Lucas Cranach dem Älteren ( 1472 bis 1553). Der Medizinhistoriker hält es lieber mit Christoph Wilhelm Hufeland (1762 bis 1836) und dessen Hauptwerk "Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern" von 1796. Später trug es den Titel "Makrobiotik".

Siehe Palliativmedizin

Leben zu verlängern, bedeutet jedoch noch lange nicht, eine ernsthafte Option auf Unsterblichkeit zu erschließen. Realistischerweise würden diese Möglichkeiten der Medizin lediglich bewirken, die Lebensphase als alter Mensch in die Länge zu ziehen. Eine zunehmend leistungsfähigere Medizin trägt per Se nicht unbedingt zu mehr Heilung, sondern eventuell eher zu einer Fortsetzung von Leben in Krankheit bei. Die Palliativmedizin ist das beste Beispiel dafür. Sie zielt nicht mehr auf Heilung, sondern auf die Linderung von Leiden und ein würdiges Sterben als das genaue Gegenteil von Unsterblichkeit ab. Mit Ärzten und Medizinern, die Anderes versprechen, geht Leven hart ins Gericht, indem er von dem "Geschäftsmodell Unsterblichkeit" spricht. Es kenne viele Facetten, lebe jedoch hauptsächlich von der Hochstapelei falscher Versprechen. Ohne die Verdienste und Leistungsfähigkeit der Medizin kleinreden zu wollen, ist Leven davon überzeugt, dass genügend und gesunde Ernährung, steigende Hygienestandards und eine saubere Umwelt in der Summe mehr zu einem längeren Leben beitragen, als die Medizin. Individuelle Schicksale oder Patientengeschichten treten bei dieser Betrachtung natürlich in den Hintergrund. Aber selbst die Zunahme der Gesundheit auch in hohem Alter bedeutet nicht, sich einer biologischen Unsterblichkeit auch nur ansatzweise anzunähern. Für den Rest ist aus der Sicht des Medizinhistorikers die Theologie zuständig.
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