Viel Bauchgefühl für die Bühne

Regisseur Winfried Steinl (Zweiter von rechts) inszeniert mit dem Jugendtheaterclub und jungen Flüchtlingen ein neues Stück. Zuerst jedoch steht Grundlagenarbeit auf der Bühne an. Dafür holte er sich Unterstützung aus den eigenen Reihen: Christina Porebski (rechts), die vier Jahre selbst im Jugendtheaterclub aktiv war und jetzt an der Schauspielschule in München ist, leitete einen Workshop. Bilder Steinbacher
Lokales
Amberg in der Oberpfalz
27.11.2015
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Wer ist der Mörder? Bei lockeren Spielchen wie diesem geht es vor allem darum, seine Körperhaltung auf der Bühne und seine Ausdrucksweise zu schärfen.

"Wir tanzen jetzt erst einmal", sagt Christina Porebski. Doch dem Getrampel auf der Bühne gebietet sie sogleich Einhalt. "Wir sind doch keine Elefantenherde." Da müssen alle lachen. Auch die jungen Flüchtlinge verstehen, was sie meint. Bühnenarbeit ist harte Arbeit. Aber nicht nur für sie.

In kleinen Gruppen stehen die jungen Leute zusammen, lachen, scherzen, hauen sich gegenseitig auf die Schultern. Von Berührungsängsten ist hier nichts zu spüren, die Flüchtlinge sind längst integriert im Jugendtheaterclub. Winfried Steinl studiert mit dem Ensemble ein neues Stück ein. Doch erst einmal ist Grundlagenarbeit angesagt, nicht nur für die Flüchtlinge, auch für all jene, die neu zum Team gestoßen sind. Selbst die altgedienten Akteure können immer wieder etwas lernen.

Geht nur über Entspannung

Regisseur Winfried Steinl hat sich an diesem Abend Unterstützung geholt. Christina Porebski leitet den Workshop. Sie hat insgesamt vier Jahre im Jugendtheaterclub mitgespielt, jetzt ist sie an der Schauspielschule in München. Die Akteure stehen mit geschlossenen Augen auf der Bühne. "Atmet ein, atmet aus", sagt Christina Porebski und geht kreuz und quer durch die Gruppe. Hin und wieder stubst sie jemanden an, ganz leicht, ganz zart. Später wird sie dann die Arme der Leute nehmen und sie anheben - die Gliedmaßen fallen, als wären die Menschen in Hypnose. "Wenn man Spannung erzeugen will, geht das nur über Entspannung", betont sie. Einen Tipp hat sie für die Nachwuchs-Schauspieler parat: "Es ist wie in der U-Bahn, man muss einfach mitgehen."

Anzuspannen, sich dagegen zu wehren - das bringe nichts, sagt die Expertin. "Ihr wollt ja offen sein." Alle stellen sich im Kreis auf, spüren ihrem Hara nach. Mit diesem japanischen Wort ist der Bauch gemeint. Anders gesagt: das Zentrum des Lebens. "Das ist zwei Fingerbreit unter dem Bauchnabel", erläutert die junge Schauspielschülerin. Sie fordert ihre Lehrlinge auf, die Knie locker zu halten und laut zu atmen. Es pfeift, als würde der Wind über die Bühne fegen. "Spürt ihr euer Zwerchfell?", fragt sie in die Runde. "Das geht sogar bis zum Rücken."


Jetzt erklärt ihnen Christina Porebski die sieben Energiestufen. Was wie Reiki anmutet, hat durchaus Berechtigung für die Bühnenarbeit. Alle legen sich auf den Boden. Die Stufe null ist - das erraten sie ganz schnell - Schlafen. Doch lange dauert das Ausruhen auf der Bühne nicht. Christina Porebski scheucht sie aus dem "Bett". Natürlich sollen die Akteure nicht voller Tatendrang aufspringen. Vielmehr sollen sie so tun, als würden sie sich denken: "Oh, ich will ja gar nicht aufstehen." Und die jungen Leute machen ihre Sache nicht schlecht, sie schauspielern schon sehr gut - sie tun so, als würden sie sich nochmals im Bett umdrehen, den Kopf im Kissen vergraben. Sie dehnen und strecken sich, lassen sich zurückfallen.

Die erste Energiestufe ist gemeistert, die zweite folgt sogleich. "Es riecht jetzt schon ein bisschen nach Kaffee", fährt die Dozentin fort. Die Spieler quälen sich schlaftrunken aus ihren imaginären Betten. Einer von ihnen bleibt liegen. "Du bist noch bei Energiestufe eins", ruft ihm Winfried Steinl zu. "Ich trink keinen Kaffee", gibt der Kerl schlagfertig zurück. Da müssen alle lachen. Der Jugendtheaterclub arbeitet sich bis zur siebten Energiestufe hoch, die letzte.

Das Erlernte wird die Truppe gleich in einer Pantomime umsetzen. Eine Szene in einem Restaurant, ein Gast und der Kellner. Doch halt: Ehe sie loslegen darf, muss die Gruppe noch festlegen, wer welches Energielevel haben soll. Anthony soll Status fünf haben, Patrick, der den Kellner mimt, Stufe drei. Zudem wird entschieden, wer den dominanten Part übernehmen und wer sich eher unterwürfig verhalten soll. In der Theatersprache ist dann von hoch und tief die Rede. Was Anthony und Patrick zeigen, mutet wie das legendäre "Dinner for one" an. Während Anthony hibbelig auf seinem Stuhl rumrutscht, schlurft Patrick zu einer imaginären Theke, um ein Wasser für den Gast zu holen.

Spontaner Sketch

"Heute im Angebot haben wir Hummer, frisch aus dem Atlantique", sagt Patrick und imitiert einen Franzosen. Anthony bestellt. Kaum wird die Delikatesse serviert, komplimentiert der Kellner seinen Gast nach draußen, das Lokal sei ausgebucht. Und so zieht Anthony mit seinem Lunchpaket von dannen. "Wow, nicht schlecht", urteilen die anderen über den spontan entstandenen Sketch.

Toby und Eva spielen eine Szene beim Friseur. Ahmad, ein junger Mann aus dem Irak, meldet sich. Er hat eine Idee. "Ich bin krank und er ist der Arzt", schlägt er vor und deutet auf Ahmad, der ursprünglich aus dem syrischen Damaskus ist. Winfried Steinl schüttelt den Kopf: "Nein, Kontrolleur und Passagier im Zug." Kein Problem für die beiden Flüchtlinge, sie legen sofort los.



"Es macht viel Spaß", sagt der 22-jährige Iraker Ahmad. "Das war schon in meiner Heimat mein Hobby", erzählt er nach der Probe. Längst hat er im Jugendtheaterclub auch Freunde gefunden. "Ich bin sehr glücklich, in dieser Gruppe zu sein", freut er sich. Ein bisschen schwierig fand er die Atemübungen. Auch mit dem einen oder anderem Fachwort der Theatersprache kommt er noch nicht so gut zurecht. "Das ist schon schwer", gesteht er. Die anderen jungen Flüchtlinge, die um ihn herumstehen, nicken zustimmend.

Ahmad, der aus Mossul im Norden des Iraks stammt und vor dem Einmarsch des IS geflohen ist, spricht ausgezeichnet Deutsch. Notfalls kann er auch als Dolmetscher für die anderen fungieren. Doch das ist gar nicht notwendig, zumindest an diesem Probenabend nicht. Alle verstehen es - und wenn nicht, dann schauen sie zu, was die anderen machen. Längst sind sie zu einem Team zusammengewachsen, die etablierten Spieler des Jugendtheaterclubs, die Neulinge und auch die Flüchtlinge. "Es macht Spaß mit allen Leuten", grinst Ahmad, der Iraker.
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