Viel Herz im Plüsch

So sieht"s aus, wenn die Querks in ihre Kostüme schlüpfen: Bogdan (links) wird dann zum Elefanten und Drago (rechts) zum Papagei. Eigentlich hat Michaela Biehler dieses Spiel-Konzept ja für Kinder entwickelt. Aber sie hat auch viele erwachsene Kunden. Bild: Petra Hartl
Lokales
Amberg in der Oberpfalz
28.02.2015
100
0

Jeder Querk hat ein Herz. Das hat Michaela Biehler bis jetzt noch niemandem verraten. Man sieht es nicht. Aber es ist da. Grün, aus Filz. Und natürlich Handarbeit, wie der ganze Kerl, in dem es steckt. Was genau ist denn ein Querk? Auf jeden Fall ist er eines: einzigartig.

Eigentlich war der Querk Michaela Biehlers Abschlussarbeit. Damals, als sie in Sonneberg/Sachsen Spielzeuggestalterin gelernt hat. "Bei mir war das Schicksal", davon ist die heute 43-Jährige überzeugt. Nach der Fachoberschule wussten alle ihre Klassenkameraden genau, was sie werden wollten. "Ich nicht", erinnert sich die Raigeringerin. Erst als ihr eine Bekannte von jemandem erzählte, der Holzdesign studierte, um Spielzeug zu machen, war ihr plötzlich klar: "Das will ich auch!"

Sie bewarb sich an der Hochschule für Holzdesign - und hatte Pech. "Da gibt es ewige Wartelisten." Also machte sie erst einmal Urlaub. Und lernte am Pool in Griechenland eine Frau kennen, die an der Fachschule in Sonneberg Spielzeuggestaltung gelernt hatte. Wieder so ein Wink, sagt Biehler. Sie meldete sich auch dort an, bestand die Aufnahmeprüfung. Bereut hat sie das nie. "In Sonneberg, das war ganz toll, weil man dort sehr viel lernt." Spielzeuggestalter müssen auf allen möglichen Gebieten fit sein: Zeichnen, Modellieren, Nähen, Holzbearbeitung, Fertigungstechnik, Werkstoffkunde, Anatomie, Pädagogik, Psychologie. Sogar Schrift und Verpackung gehören zum Lehrplan. Und viel Handarbeit. Biehler lacht. "Wir haben noch nicht mit dem Computer gearbeitet. Wir haben mit Tusche und Feder geschrieben." Dafür kann sie "nicht gut mit dem Computer umgehen", auch wenn der für die meisten Designer heute "das" Werkzeug schlechthin ist. "Die erstellen da ihre Schnitte. Das kann ich nicht. Ich muss das wirklich am Modell ausprobieren, bis es passt." Das ist mühsam, klingt bei Biehler aber nicht so.

Lederjacke für Barbie

Woher kommt ihre Begeisterung für Spielzeug? Die 43-Jährige zeigt auf ein Regal in dem Zimmer, das sie ihre Werkstatt nennt: "Da liegen noch meine ganzen Kindersachen herum. Ich kann nichts wegschmeißen. Und ich hab' mir schon als Kind selbst mein Spielzeug gemacht." Die Leder-jacke mit Stones-Zunge, die sie für ihre Barbie geschneidert hat, gibt es noch. Es stimmt schon: "Das ist meine Mission." Ihr Sohn lacht immer, wenn sie das sagt. "Aber ich sehe das wirklich so." Drei Jahre dauerte die Ausbildung in Sonneberg. Die Stadt war einmal "das" Zentrum für Spielzeugherstellung.

Der Querk als Mission

1998, für ihre Abschlussarbeit, sollte Biehler eine Figur mit neuartigem, didaktischen Spielwert gestalten. Noch heute hat sie die "Riesenmappe" mit ihren Ideen und Entwürfen. Daraus sind die Querks entstanden, mit einer eigenen Geschichte in einem Bilderbuch. Biehler spricht wieder von ihrer Mission. "Ich glaube, das war schon länger in mir drin - und hat nur irgendein Ventil gesucht, um rauszukommen."

Als staatlich geprüfte Spielzeuggestalterin hat sie danach noch eine Weile im Erzgebirge gearbeitet. Dort lernte sie jemanden kennen, der anbot, ihre Querks in Lizenz zu produzieren. In China. Und im großen Stil. "Ich hatte von nichts eine Ahnung, hab' den Vertrag unterschrieben und eine Zeitlang wirklich gut davon gelebt." Der Hersteller verkaufte die Plüschtiere damals vor allem an Kindergärten im deutschsprachigen Raum, aber auch in Amerika.

Noch heute melden sich bei Michaela Biehler Erwachsene, die sich damals im Kindergarten in die Querks verliebt haben - und jetzt selbst einen haben wollen. Für ihre Kinder. Oft aber auch für sich selbst. "Ich kriege tolle Mails", schwärmt Biehler. Darin heißt es dann beispielsweise: "Seit wir den Querk im Haus haben, hat sich mein Kind verändert" oder "Der Querk ist Balsam für die Seele". Ein Österreicher wollte wissen, ob Biehler ihre Stofftiere auch restauriert. Er schickte ihr ein Foto von seinem Exemplar - 14 Jahre alt, noch aus der China-Produktion. Sie lacht: "Der hat überhaupt keine Haare mehr. Er ist komplett abgekuschelt. Kasweiß, da sieht man nur noch die Nähte." Natürlich könnte sie Hand anlegen. Aber dabei bekäme dieser Querk einen komplett neuen Pelz - und wäre dann nicht mehr derselbe. Das wollte der Österreicher dann doch nicht. Offenbar hat er die Kernaussage verstanden, die in den putzigen Kerlchen steckt: Es ist am schönsten, so zu sein, wie man ist.

"Ich bin auch ein Querk", verrät Biehler: "Weil ich so bin, wie ich bin." Deshalb war sie mit ihrem Lizenz-Vertrag auch nicht hundertprozentig glücklich. Und hat ihn auslaufen lassen. "Ich wollte das selber machen." Ein Unternehmensberater hat ihr Mut gemacht - und ihr geholfen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Seither sind die Querks reine Handarbeit. Made in Raigering. Entsprechend klein ist die Stückzahl, die Biehler produziert. Das hat natürlich seinen Preis. "Die Leute sind schon konsterniert, wenn ich sage, er kostet 150 Euro." Für ein Spielzeug? Mehrwertsteuer, versicherter Versand, hochwertiges Material, Handarbeit: "Da bleibt mir gar nicht mehr viel übrig. Aber das verstehen viele nicht", merkt Biehler dazu an: "Für mich geht es dabei auch um Wertschätzung. Dass jemand sagt, ich sehe, wie viel da drin steckt, an Arbeit, Zeit und Liebe."

Kein Billig-Stofftier

So ein Querk ist eben etwas anderes als ein Billig-Stofftier aus Südostasien. Biehler schneidet jeden einzeln zu, fügt die Teile an ihrer Nähmaschine zusammen, stopft das Ergebnis per Hand. Und steckt das kleine Filzherz in das Kuscheltier, bevor sie die letzte Naht schließt. Der magische Moment kommt, wenn das Gesicht entsteht. "Mit den Augen kriegt er seine Persönlichkeit." Das Besondere aber ist, dass der Querk eigentlich gar nichts Besonderes ist. "Er hat hängende Schultern, schaut ein bisschen bedröppelt", so beschreibt ihn seine Schöpferin. Aber genau so soll es sein: "Dieser nichtssagende Ausdruck macht ja jede Gefühlsregung mit: Wenn ich lache, lächelt er zurück. Und wenn ich grantig schau', schaut er auch so." Vielleicht ist das ja der eigentliche Zauber des Querks.

___

Mehr über die Querks im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/querk
Weitere Beiträge zu den Themen: Februar 2015 (7876)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.