Von einem zerstörten Leben

Da war die Welt noch in Ordnung für das Liebespaar: Die beiden Schülerinnen (links) spielten nach, welch schönen Tag Dr. Rudolf Kaufmann und seine schwedische Freundin Ingeborg Magnusson in Venedig bei einer Gondelfahrt verbrachten. Rabbiner Elias Dray (rechts) freute sich, dass zwei neunte Klassen des Max-Reger-Gymnasiums unter der Leitung ihrer Lehrerinnen Heidi Kreuß und Bianca Rauchenberger ein szenisches Stück aufführten. Anlass war der 77. Jahrestag der Reichspogromnacht. Bild: Steinbacher

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als sich Rudolf Kaufmann und die Schwedin Ingeborg Magnusson begegnen. Es hätte gut ausgehen können, in einer anderen Zeit. Doch der Geologe aus dem ostpreußischen Königsberg hat jüdische Wurzeln. Das Blutschutzgesetz der Nazis macht die Zukunft der beiden zunichte.

Rudolf Kaiser, Schriftsteller und Übersetzer aus Frankfurt, hat über diese tragische Liebe ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel "Königskinder", als Grundlage dienten Briefe, die Kaufmann der Schwedin schrieb und die Kaiser durch Zufall bei einer Versteigerung in die Hände fielen. 80 Jahre nach den Blutschutzgesetzen der Nazis, beschlossen auf dem Nürnberger Reichsparteitag, machten sich zwei neunte Klassen des Max-Reger-Gymnasiums daran, diese Liebesgeschichte in einem Geschichtsunterrichts-Projekt aufzuarbeiten. Entstanden sind Spielszenen, die die Schüler am Montagabend in der israelitischen Kultusgemeinde aufführten. Der Tag war nicht zufällig gewählt: Am 9. November jährte sich zum 77. Mal die Reichspogromnacht. Für Rabbiner Elias Dray ist der 9. November 1938 ein wichtiges Datum. Daran müsse man sich erinnern: "Man sieht, wie gefährlich Polemik manchmal sein kann, wie sich Dinge hochpuschen, wie manche die Stimmung für sich nutzen können."

Sehr früher Antijudaismus

Kreisheimatpfleger Dieter Dörner hielt einen Vortrag über die Entstehung des Antisemitismus. Richtiger sei der Begriff des Antijudaismus. Und dieser habe schon vor 1000 Jahren begonnen. Ende des 11. Jahrhunderts waren die ersten Pogrome. Juden wurden als Christusmörder und Brunnenvergifter bezeichnet. Später hieß es: "Die Judensau". Erst 1870 sei der Antisemitismus aufgekommen: "Die Juden wurden in eine Rasse gesteckt." Mit der Gründung der ersten Ortsgruppe der NSDAP in der Oberpfalz (1923) habe auch hier die antisemitische Welle begonnen. "Die Amberger waren nicht Judenfeinde oder -hasser. Hinter der Geschäftswelt stand das mittlere Bürgertum, das die Juden - zum Beispiel auch im Betreiber des Kaufhauses Erwege - als Konkurrenz sah."

Als im Frühjahr 1933 alle jüdischen Beamten, soweit sie nicht im Ersten Weltkrieg an Seite der Deutschen gekämpft hatten, entlassen wurden, traf es laut Dörner auch einen Staatsanwalt am Landgericht Amberg. Der Boykott jüdischer Geschäfte (1933) und das Rassegesetz (1935): Durch Demütigungen wie diese sollten Juden dazu gebracht werden, Deutschland zu verlassen. Das Blutschutzgesetz wurde auch Dr. Rudolf Kaufmann zum Verhängnis. Die MRG-Schüler spielten sein Schicksal nach: wie er sich in die Schwedin Ingeborg verliebt, wie sie einen schönen Tag in Venedig verbringen, wie sie Pläne schmieden, sich verloben.

Drei Jahre im Zuchthaus

Eine Affäre Kaufmanns mit einer arischen Witwe in Coburg machte alle Pläne des Paares zunichte. Der Mann holte sich eine Geschlechtskrankheit, der behandelnde Arzt fand heraus, dass sein Patient jüdische Wurzeln hatte. Kaufmann, dem unterstellt wird, "eine hilflose Arierin geschändet" zu haben, wird zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, sitzt seine Strafe in Amberg ab. Die Schüler spielen nicht nur Szenen nach, sondern lesen auch aus Kaufmanns Briefen an sein "liebes Ingelein" vor. Ein Visum für Australien hatte Kaufmann 1939 vor dem KZ bewahrt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wanderte er nach Litauen aus, verabschiedete sich für immer von Ingeborg.

Als seine neue Heimat von den Deutschen besetzt wird, "wird er wohl wie viele andere ein Opfer des Völkermords an den Juden". "El male Rahamim" ("Gott voller Erbarmen"), ein Gebet für die Opfer des Holocausts, beendet die Veranstaltung, Rabbiner Elias Dray sagt es auf Hebräisch, ein MRG-Schüler liest es auf Deutsch.
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