"Was mir bleibt, sind Fotografien von Dir"

Ein Mensch mit Hoffnungen und Träumen, die das Nazi-Regime zerstörte. Übrig blieben viele Briefe, die er an seine Geliebte schickte, unter anderem auch während seiner dreijährigen Haftzeit in Amberg: Dr. Rudolf Kaufmann saß wegen Verstoßes gegen das Blutschutzgesetz hinter Gittern. Sein Arzt hatte den promovierten Geologen angezeigt.
 
Ingeborg Magnusson (rechts), im Bild mit ihrer Schwester Greta um 1935, starb 1972 unverheiratet in Stockholm.
 
Kreisheimatpfleger Dieter Dörner erwähnt das Schicksal Rudolf Kaufmanns in seinem Buch "Juden in Amberg". Bild: Steinbacher
 
Dr. Rudolf Kaufmann.

Es ist Liebe auf den ersten Blick, aber mit tragischem Ende. Bevor der Deutsche Rudolf Kaufmann zu Ingeborg Magnusson nach Stockholm reisen kann, wird er 1936 wegen Verstoß gegen das Blutschutzgesetz verhaftet. Seine Strafe sitzt der Geologe mit jüdischen Wurzeln im Amberger Zuchthaus ab. Was bleibt, sind Liebesbriefe aus fünf Jahren.

Rudolf Kaufmann ist ein gut aussehender Mann. Den Scheitel adrett zur Seite gekämmt, das Haar mit Pomade fixiert, den Blick in die Ferne gerichtet, eine Augenbraue leicht nach oben gezogen. Die Lippen umspielt ein süffisanter Zug. Es sieht so aus, als würde er an eine Frau denken, an eine, die beim Lachen ihren Kopf in den Nacken wirft, deren Locken sich um ihr Gesicht kringeln. Eine, die lieber knappe Shorts statt weite, lange Kleider trägt, eine, die sich für ihren Liebsten einen Pfeil in den Ausschnitt steckt, der direkt auf das Herz zeigt, weil sie weiß, dass ihn das zum Lachen bringt. Eine wie Ingeborg.

Es beginnt in Italien

Vielleicht wäre diese Geschichte von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, weil er ein hübscher Casanova aus Königsberg in Preußen und sie eine langbeinige Schwedin ist - und Fernbeziehungen generell mehr Arbeit für den kaum existierenden Alltag bedeuten. Aber die Liebesgeschichte kann aus einem anderen Grund nicht mit einem Happy End schließen, einzig und allein, weil sie 1935 beginnt. Und sie erlangt besondere Dramatik, weil Rudolf Kaufmann jüdischer Herkunft ist und Ingeborg Magnusson nicht.

An einem Abend im September 1935 verleihen die Nationalsozialisten beim sogenannten "Reichsparteitag der Freiheit" unter dem Begriff "Nürnberger Gesetze" ihrer antisemitischen Ideologie eine juristische Grundlage: Mit einem Blutschutzgesetz verbieten sie die Eheschließung sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden. Aber noch ist Sommer und Nürnberg von Italien aus, wo sie sich beide kennenlernen, weit weg.

Dr. Rudolf Kaufmann promoviert Anfang 20 an der Universität Greifswald mit einer Arbeit über die Entwicklung fossiler Gliederfüßler, verliert jedoch 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft den Job. Er versucht, außerhalb Deutschlands Fuß zu fassen und wird in Bologna fündig. Dort forscht Rudolf weiter und verdient - er ist auch ein guter Fotograf - in einem Atelier nebenbei Geld. Dann kommt sie.

Ingeborg Magnusson verbringt ihre Ferien in Italien und trifft in Bologna den jungen Deutschen. Sie will sich in seinem Fotoatelier ablichten lassen. Offenbar ist es Liebe auf den ersten Blick. "Die beiden schönen Tage, die stecken mir noch ganz im Blute. Sie waren nur zu kurz. Das einzige, was mir bleibt, sind die Fotografien von Dir, wo du mich 30mal so ,ganz verliebt' anlachst", schreibt er ihr später. Es ist der Auftakt vieler Liebesbotschaften.

Die Dokumente hat der in Frankfurt lebende Schriftsteller und Übersetzer Reinhard Kaiser in dem Buch "Königskinder" zusammengefasst. Eigentlich war der Autor scharf auf die Briefmarken, als er bei einer Auktion im Mai 1991 den Schriftwechsel der beiden Verliebten ersteigerte. Tatsächlich hatte er damit seinen neuen Roman gekauft, denn die Worte zwischen dem Liebhaber Kaufmann und seiner Geliebten Magnusson sollten später beispielhaft für die Entwicklung im menschenverachtenden Nazi-Regime sein.

30 Umschläge ersteigert

"Ich war nicht auf der Suche nach Geschichten, als ich die ersten Briefe von Rudolf Kaufmann an Ingeborg Magnusson fand, bei einer Briefmarkenauktion in Frankfurt. Ich stieß auf einen Stapel von ungefähr 30 Umschlägen, alle vom gleichen Absender in Königsberg und einigen anderen deutschen Städten zwischen 1935 und 1939 aufgegeben, alle an die gleiche Empfängerin unter der stets gleichen Stockholmer Adresse gerichtet. In den Kuverts steckten noch die Briefe", sagt Autor Reinhard Kaiser zur Entstehungsgeschichte von "Königskinder".

Unter den Briefen aus "einigen anderen deutschen Städten" ist auch eine Adresse aus Amberg. Rudolf Kaufmann lebt von 1936 bis 1939 nicht freiwillig hier. Er ist drei Jahre im Zuchthaus eingesperrt, weil er gegen das Blutschutzgesetz verstoßen hatte. Die Brücke nach Amberg legt Kreisheimatpfleger Dieter Dörner frei. Er liest vor 15 Jahren das Buch "Königskinder" und stößt auf die hiesige Adresse. In seinem Werk "Juden in Amberg" geht er auf das Schicksal Kaufmanns ein und schildert die Geschichte Rudolfs nach der Rückkehr aus Italien so: "Zurück in Deutschland erhielt er eine Anstellung in einem jüdischen Internat in Coburg, wo er nach seinen Worten zum ersten Mal mit dem Judentum in Berührung kam. Sein Wunsch, nach Schweden auszureisen, scheiterte an der Devisenbeschaffung. Endlich, 1936, unterstützt von seinen Geschwistern, war es soweit." Laut einem Bericht im Spiegel aus dem Jahr 1996 hat Rudolf seine Ankunft in Stockholm für den 5. August 1936 angekündigt. Doch Inge erwartet ihn vergebens. Sie fürchtet, schreibt sie an seine Verwandten, dass "ein Unglück geschehen ist". So ähnlich war es auch.

Dieter Dörner berichtet weiter: "Scheinbar konnte er es nicht erwarten und besuchte kurz vor der Abreise in Coburg eine Prostituierte, die ihn mit einer Geschlechtskrankheit infizierte. Er konsultierte einen Arzt und wurde von diesem bei der Polizei angezeigt. In der nationalsozialistischen Zeitung Bayerische Ostmark war zu lesen: ,... wegen Rassenschande festgenommen. ... Ein charakteristischer Fall jüdischer Unverfrorenheit in Coburg', und im ,Stürmer' stand: ,Wieder einen Rassenschänder verhaftet. Er lernte im Mai dieses Jahres in einem Coburger Tanzlokal eine junge deutsche Witwe kennen und freundete sich mit ihr an. Der Jude verstand es, die Frau über seine Rassezugehörigkeit zu täuschen. ... Der Jude erreichte sein Ziel. Er schändete die Frau." Am 4. Dezember 1936 wurde Kaufmann von der Großen Strafkammer am Landgericht Coburg des Verbrechens der Rassenschande für schuldig befunden und zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren sowie der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für fünf Jahre verurteilt. Auch der "Stürmer" berichtet, allerdings erst 1938 von der Verhaftung: "... Sportlehrer aus Coburg, 29 Jahre alt, ein negroider Jude. Er erhielt drei Jahre Zuchthaus."

Rudolf ist trotz seiner Verliebtheit zu Inge fremd gegangen und hat sich eine Geschlechtskrankheit eingeholt. "Liebes Ingelein" schreibt er seiner Geliebten, "ich muß Dir mit diesem Brief einen unendlich großen Kummer bereiten." Aber noch ist nicht alles verloren. Er bittet sie inständig, ihm zu verzeihen. Und Inge steht zu ihm.

Gedicht für Sulzbacherin

Rudolf Kaufmann sitzt seine Haft in Amberg bei Steinbruch- und Straßenbauarbeiten ab. In dieser Zeit wird bei Kaufmann auch ein Gedicht gefunden, gewidmet "Dem blonden Mädel Haus 103b" in Sulzbach-Rosenberg, wo er vermutlich bei Straßenarbeiten beschäftigt ist. Von März 1939 an dürfen sich Ingeborg und Rudolf sogar wieder schreiben. Die beiden bereiten ihre gemeinsame Auswanderung nach Australien vor.

Ein Bruder Rudolfs in London leitet alles in die Wege. Vier Wochen vor Ablauf der Haftzeit wendet sich der Vater von Rudolf, ein Universitätsprofessor in Freiburg, an die Innere Mission in Nürnberg mit der Bitte, Hilfe für den Entlassenen bei der Eingliederung zu leisten, das heißt Übernahme des bei einem Amberger Spediteur befindlichen Gepäcks, Übernachtungsmöglichkeit und Fahrt zu seinem Bruder nach Köln. In Köln soll er Arbeit beim Straßenbau suchen. Auch die zu seiner Schwester nach Australien vorgesehene Auswanderung kann sich wegen des veränderten Umfeldes nicht mehr realisieren. Aus dem Schreiben des Vaters geht weiter hervor, dass Dr. Rudolf Kaufmann evangelisch getauft und erzogen wurde. Am 12. Oktober 1939 wird Rudolf Kaufmann aus dem Zuchthaus entlassen. Hier weichen die Recherche-Ergebnisse ein wenig voneinander ab: Nach dem Spiegel-Bericht besitzt er einen gültigen Reisepass, sein Bruder in London das nötige Geld für die Reise, das Visum liegt bereit.

Nach Informationen von Dieter Dörner erfolgt die Entlassung "irrtümlich", da Kaufmann keine Auswanderungspapiere vorweisen kann. Nach den geltenden Bestimmungen hätte er in ein Konzentrationslager überstellt werden müssen. Wie auch immer: Nach Schweden kommt Rudolf Kaufmann nie mehr. In Deutschland ist der Krieg ausgebrochen. Arbeitslos irrt er durch die Gegend. Er flüchtet nach Litauen, wo er bei einer jüdischen Buchhändler-Familie unterkommt.

"Lasse Kopf nicht hängen"

Noch schreibt er fleißig nach Stockholm: "Ich lasse den Kopf nicht hängen trotz der sieben schweren Jahre" - aber seine Hoffnungen zerbröckeln. Im Juli 1940 bittet er die Freundin, nicht länger auf ihn zu warten. In Litauen findet er eine Stelle als Fotograf, lernt eine Frau kennen und heiratet. Das teilt er Ingeborg in einem letzten Brief vom April 1941 mit. Dem einzigen, den er mit der Schreibmaschine schreibt. Am Ende entscheidet der Zufall über sein Schicksal: Nach Einmarsch der deutschen Armee wird Dr. Rudolf Kaufmann von einem Soldaten erkannt und erschossen.


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Blutschutzgesetz und Zuchthaus

Rassegesetze

Das Blutschutzgesetz war eines der während des "Reichsparteitags der Freiheit" am 15. September 1935 unter den Begriff "Nürnberger Gesetze" fallenden antijüdischen Gesetze.

§ 1: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig.

§ 2: Außerhehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes ist verboten.

§ 3: Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren in ihrem Haushalt nicht beschäftigen.

Personen, die in Fälle von Rassenschande verwickelt sind, sind in Schutzhaft zu nehmen.

15 Frauen ausgetauscht

Unter den Amberger Juden gab es zwar keine Rasseschänder im Sinne des Gesetzes, trotzdem waren Juden und Nichtjuden betroffen. Etwa 15 Frauen und Mädchen unter 45 Jahren waren in jüdischen Haushalten mit männlichen Mitgliedern meist stundenweise als Zugehfrauen, Köchinnen oder Dienstmädchen beschäftigt. Sie alle mussten bis zum 31. März 1935 ausgetauscht werden.

Im Amberger Zuchthaus

Es waren mehrere Juden zur Zeit der Inhaftierung Rudolf Kaufmanns im Amberger Zuchthaus. Unter den Gefangenen waren 464 Katholiken, 178 Protestanten, 19 Juden und 72 bekenntnislos.

(Aus Dieter Dörners "Juden in Amberg")

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