Webfehler im Warnstreik-Ritual

Jeder macht sein Ding: IG-Metall-Bevollmächtigter Horst Ott lässt sich wegen des Siemens-Besuchs der Bundeskanzlerin von seinen Warnstreik-Plänen nicht abbringen. Bild: Steinbacher

Dieser Zufall hat das Zeug zu einem Affront. Den will keiner. So wird Angela Merkel das Amberger Siemens-Werk besuchen, und die IG-Metaller gehen warnstreiken. Es gäbe aber auch noch eine viel elegantere Lösung.

(zm) Zum Rasieren hatte Horst Ott die Zeit am Donnerstag nicht mehr gereicht. Um Mitternacht war der IG-Metall-Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle Amberg im nordoberpfälzischen Trabitz, um mit der Nachtschicht des Automobilzulieferers Faurecia die Tarifrunde aus der Sicht der Gewerkschaftsbasis zu eröffnen. Reichlich kalt, aber "richtig schön" sei es gewesen, erzählt der Funktionär um die Mittagszeit in einer Pressekonferenz über den ersten Warnstreik der angelaufenen Verhandlungsrunde.

Geste der Anerkennung

"Wie immer halt bei Faurecia." Nicht wie immer könnte es am 23. Februar werden. An diesem Tag, einem Montag, wird Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Amberger Siemens-Werk als der größten Produktionsstätte des Konzerns in Deutschland einen Besuch abstatten. "Das finde ich ganz toll und ich bin zusammen mit den Kollegen stolz darauf", kommt dem Gewerkschafter nichts Kämpferisches über die Lippen.

Wäre da nicht der Organisationsplan, der während der Pressekonferenz hinter dem Bevollmächtigten an der Wand hängt und ihm eingestandenermaßen "einen Spagat" abverlangt. Am 23. Februar sieht sich die IG Metall bereits in der Warnstreikphase II angekommen und wird an diesem Tag rund 9000 Beschäftigte aller 24 Betriebe der Verwaltungsstelle zur Arbeitsniederlegung aufrufen. Auch in Amberg. Ott geht aber davon aus, dass sich Kanzlerin und Kampfbereitschaft signalisierende Arbeitnehmer nicht ins Gehege kommen. Abgeblasen werde der symbolische Protest jedenfalls nicht, öffentlichkeitswirksam aufgetrieben aber auch nicht. Diese friedliche Koexistenz zu beiderseitigem Nutzen sieht Ott zum Auftakt der 2015er Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie noch nicht erreicht. Das von ihm öfters ausdrücklich als lästig bis müßig empfundene Verhandlungsritual kommt gerade erst in die Gänge, Knackpunkte gebe es noch reichlich.

Die Positionen

Der Gehaltsforderung von einem 5,5-prozentigen Aufschlag setze die Arbeitgeberseite unannehmbare 2,2 Prozent entgegen. Die bei den Metallern tarifrechtlich verankerte und zum 1. April auslaufende Altersteilzeit-Regelung wolle die Gewerkschaft fortschreiben, das Unternehmerlager biete aber lediglich eine Halbierung an. Und nur verneinendes Kopfschütteln, so Ott, habe die Verhandlungskommission bisher mit ihrer Forderung nach der Festschreibung einer Bildungsteilzeit zur beruflichen Qualifizierung geerntet.

Hier hake es noch gewaltig, stellt sich der IG-Metall-Funktionär darauf ein, dass die Warnstreiks gemäß seiner Organigramm-Phase I auf jeden Fall abgearbeitet werden müssen. Da stehen auch einige Amberger Termine drin, weil die Aufrufe elf Betriebe mit 6000 Beschäftigen erfassen. Und sollte es nach den Vorstellungen von Ott laufen, dann könnte sich die Aufregung um den 23. Februar auch erledigt haben. Per Einigung.
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