Wenn der Spaziergang zur Qual wird

Es ist nicht alles schlecht in der Amberger Innenstadt. Der Straßenbelag in der Fußgängerzone ist für Josef Schiessl in vielen Bereichen "machbar".

Josef Schiessl hat es aus mindestens drei Gründen nicht leicht. Der 61-Jährige leidet an Multipler Sklerose. Er ist deshalb daheim und außer Haus auf einen Rollator angewiesen. Und mit diesem in der Innenstadt einigermaßen voranzukommen, ist manchmal eine Katastrophe.

Seit gut einem halben Jahr gehe nichts mehr ohne diese fahrbare Hilfe, sagt der Amberger, der zu 100 Prozent schwerbehindert ist und Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht. "Schmerzen verdränge ich, wenn ich nicht darüber rede, spürt man sie nicht so", meint der 61-Jährige, als wir uns mit ihm am Parkplatz des Landratsamtes treffen. Josef Schiessl fühlt sich an diesem Tag "ausgesprochen gut" - was relativ ist. Sein Allgemeinzustand ist wetterabhängig.

Schiessl ist gekommen, um auf die Probleme aufmerksam zu machen, mit denen sich Rollator- und Rollstuhlfahrer in der Innenstadt konfrontiert sehen. Seine persönliche Erfahrung: "In Amberg ist es schlecht, wenn man als Behinderter unterwegs ist." Das muss an die Öffentlichkeit, meint Schiessl, zumal viele andere Städte hier weit voraus seien. Veranlasst, sich zu Wort zu melden, hat ihn ein Artikel in der Amberger Zeitung über eine junge Frau, deren Stadttheater-Besuch scheitere, weil es ihr nicht möglich war, mit dem Rollstuhl auf den Platz zu gelangen, für den sie eine Karte gekauft hatte.

Wir sind inzwischen auf dem Weg in Richtung Fußgängerzone. In der Regierungsstraße geht es in Zeitlupe vorwärts. Josef Schiessl setzt langsam einen Fuß vor den anderen. Und hat dabei große Schwierigkeiten, die Balance zu halten. Der Rollator wackelt hin und her. Man möchte nicht tauschen. Die Räder des Gehwagens hoppeln über das kleine Kopfsteinpflaster auf dem Bürgersteig. Schiessl schüttelt es regelrecht durch. "Absolut uneben", lautet sein Kommentar, "das neue rote Kopfsteinpflaster ist eine Katastrophe, das taugt nichts." Er stellt das nüchtern fest, schimpft nicht - weist aber im selben Atemzug darauf hin, dass er die Innenstadt meidet. Großes Kopfsteinpflaster, merkt er ein paar Meter weiter an, "ist direkt angenehm dagegen".

"Saublöde Antworten"

Wir sind gerade mal zehn Minuten unterwegs. Josef Schiessl sieht man die enorme Anstrengung an. Wenn er durch Amberg rollt, dann ärgert er sich über Autofahrer, die ihren Pkw unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz abstellen. Manchmal spricht der 61-Jährige die Leute darauf an. Oft, so erzählt er, bekommt er dann "saublöde Antworten". Die Menschen, denen er auf den Gehsteigen begegnet, seien hingegen meistens "rücksichtsvoll".

Wir sind in der Fußgängerzone. Sie ist für Josef Schießl "machbar". Der 61-Jährige und seine beiden Begleiter von der Zeitung scheinen aufzufallen. Die Passanten schauen interessiert hin. Weiter in Richtung Roßmarkt. Inzwischen hat Schiessl um die 300 Meter zurückgelegt - und ist platt. Bei der Bank an der Ecke Weinstraße muss er sich setzen. Er sei im Moment "ziemlich am Ende" sagt er. Auf die Frage, wie er sich fühlt, antwortet er: "Ausgepowert - wie ein Mensch, der acht bis zehn Kilometer am Stück gegangen ist."

In diesen Minuten hadert Josef Schiessl mit seiner Krankheit, die in einem fortgeschrittenen Stadium ist: "MS ist ein langsamer Tod. Irgendwann ist man dann mal so weit, dass man sagt, wenn der Tod wirklich kommt, dann ist das eine Erleichterung." Ohne seine Ehefrau, bekennt der 61-Jährige freimütig, "hätte ich keinen Lebenswillen mehr". Sie "tut alles für mich".

Aus Gedankenlosigkeit

Schiessl hat jetzt wieder etwas Kraft geschöpft. Nun will er uns zeigen, dass Granitplatten für Rollator-Nutzer geradezu eine Wohltat sind. In Höhe von Schuh Wild demonstriert er das. "Granitplatten kommen mit dem historischen Charakter der Altstadt nicht in Konflikt", plädiert der 61-Jährige für diesen Bodenbelag. "Denn da braucht man nicht Angst zu haben, dass man irgendwo hängenbleibt." Das passiert Josef Schiessl ein paar Schritte weiter, an der Ecke Georgenstraße/Viehmarktgasse: vier Werbeaufsteller mitten am Weg, direkt nebeneinander wie eine Schranke, an dieser Stelle wohl aus Gedankenlosigkeit platziert. Sie machen Schiessl ein bequemes Durchkommen unmöglich und zwingen ihn wieder auf das wellige Kopfsteinpflaster.

Schiessl hat "nicht die Energie", sich darüber aufzuregen. "Was will ich da schon machen? Ich bin auf jeden Fall der Schwächere."
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