Wenn Kinder nicht richtig leben

Siegfried Steiger führte in die Ausstellung und das Werk Korczaks ein.

Kinder brauchen "das Gefühl der Freiheit - ein offenes Fenster". Das hat Janusz Korczak schon vor rund 100 Jahren gesagt. Ihm und seiner pädagogischen Arbeit ist eine Wanderausstellung in den Decker-Schulen gewidmet. Sie heißt "Der Blick ins Freie".

Hinter diesem Titel verbirgt sich "die Sehnsucht der Kinder nach ihnen zustehenden Frei-Räumen und Frei-Zeiten" - beides wollte Korczak, "bewahren und in der Wertschätzung der Kinder erfüllbar machen". Diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemerkenswerte Sichtweise brachte Siegfried Steiger, der Vorsitzende der Deutschen Korczak-Gesellschaft, zur Ausstellungseröffnung den Schülerinnen nahe.

Gestützt durch Karikaturen, Umfrageergebnisse und Fotos schloss sein Blick dabei provokante Thesen zur aktuellen Bildungs- und Schulpolitik mit ein. Den vielen modernen und kurzlebigen Erziehungsansätzen stellte Steiger die Rolle von Janusz Korczak gegenüber. Bereits vor über 100 Jahren entwickelte der polnische Pädagoge, Arzt und Schriftsteller in Theorie und Praxis in der Nachfolge von Reformern wie Pestalozzi eine dem Kind gerecht werdende Pädagogik, die ein auf weltlich-humanistischen und demokratischen Prinzipien beruhendes Erziehungs- und Schulprinzip einschließt. Zudem verlangte er 1919 die Magna Charta Libertatis als ein Grundgesetz für Kinder, das heißt die Einbeziehung und Aufnahme ihrer universellen Rechte in nationales und übernationales Recht - eine Forderung, die erst in der UN-Kinderrechtskonvention 1989 ihre Entsprechung fand.

Eigene Erfahrungen wichtig

Korczaks Schrift "Wie man ein Kind lieben soll" verdeutlicht, dass Eltern und Erzieher sich oft scheuten, den Nachwuchs ein Risiko eingehen zu lassen, der so aber keine eigenen Erfahrungen machen und folglich nichts daraus lernen kann. Korczak betonte, so "entziehen wir Kinder dem Leben, lassen sie nicht richtig leben". Selbstständigkeit brauche Möglichkeiten zur Selbstentdeckung, Willensausübung und -ausbildung sowie Freiheit für Erfahrungen.

Im Blick auf sein von ihm konzipiertes und ab 1912 geleitetes Waisenhaus "Dom Sierot" in Warschau formulierte der Pädagoge die Aussage, die auch der Ausstellung im Gerhardinger-Saal den Titel gibt. Korczak legte 1934 in seiner Schrift "Wer kann Erzieher werden?" Grundsätzliches nieder: "Wer Kinder nicht liebt, kann sie nicht erziehen. Wer sich mit sich selbst beschäftigt, für den interessieren sich Kinder nicht. Und der, für den sich Kinder nicht interessieren, ist nicht geeignet, sie zu erziehen." Korczaks Liebe zu den ihm anvertrauten 200 Jungen und Mädchen führte ihn 1942 mit in die Gaskammern von Treblinka.

Korczak, Belfer und Steiger

Ein weiterer Aspekt war die Zusammenschau zweier Künstler mit Korczak. Der 92-jährige israelische Maler und Bildhauer Itzchak Belfer, bis 1939 Waisenhausbewohner und letzter noch lebender Zögling Korczaks, machte seine Zeitzeugenschaft in Bildern und Skulpturen zum Lebensthema. Der 1989 geborene Jacob Steiger, Student der Bildenden Künste, erläuterte seinen durch Belfers Erzählungen gewonnenen indirekten Zugang zu Korczak, der ihn seinerseits zu zahlreichen Zeichnungen, Malereien und Collagen führte.
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