Wer sehen will, muss knien

Schön bunt. Aber außer den Farben ist nichts zu erkennen auf dem Bild. Wenn man nur einfach draufschaut. Erst ein Spiegel zeigt, worum es geht. Und enthüllt auch: In dieser Sonderausstellung im Stadtmuseum geht es um den Blickwinkel.

Obwohl sich Jürgen Becker schon lange mit dem Thema beschäftigt, freut er sich jedesmal wieder darüber, wie seine "optischen Wunder" den Neuling staunen lassen. Anamorphosen heißt der Fachbegriff für "bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Bilder, die erst durch Änderung des Blickwinkels oder durch Betrachtung in besonderen Spiegeln ihre Geheimnisse preisgeben".

Der Flyer, mit dem das Stadtmuseum für diese ungewöhnliche Sonderausstellung wirbt, wählt einen einfacheren Titel: "Verrückte Bilder". Sie laden Neugierige ab Sonntag, 15. November, bis Sonntag, 28. Februar, ein zum "Mitmachen, Ausprobieren, Erforschen". Diesmal eine ganz andere Weihnachtsausstellung - sie hat gar nichts mit dem Advent zu tun. Und die Besucher müssen aktiv werden, damit sie wirklich etwas sehen. "Ein Experiment", sagt Museumsleiterin Judith von Rauchbauer zweideutig: Die ganze Ausstellung besteht aus unzähligen Versuchen und ist auch für die Hausherrin selbst ein Versuch. Sie ist gespannt, ob solche Mitmach-Präsentationen ankommen bei den Besuchern. Dann könnte es so etwas künftig öfter geben.

Spielen erwünscht

Spielen ist hier ausdrücklich erwünscht: Das wollen Jürgen Becker und seine Frau Gerlinde mit ihrer Ausstellung erreichen. Ursprünglich hatten sie sie für das Nürnberger Spielzeugmuseum konzipiert, waren damit aber auch schon in vielen anderen Einrichtungen zu Gast. "Wir möchten, dass die Besucher mit ihren Blickwinkeln, mit ihrem Standpunkt spielen", sagt Becker und meint das durchaus im doppelten Wortsinn.

"Wir wären sehr zufrieden, wenn wir möglichst viele Besucher dazu bringen würden, mal in die Knie zu gehen, auch einmal schief zu schauen, also wirklich den eigenen Standpunkt - im wahrsten Sinne des Wortes - zu ändern. Das Beobachten lernen: Das ist eines der Prinzipien." Jürgen Becker weiß genau, wovon er spricht. Er beschäftigt sich schon seit fast 30 Jahren mit physikalischem Spielzeug. "Ich war mal Physiklehrer", verrät er. Als er noch unterrichtet hat, ist ihm schnell klar geworden: So, wie er es früher selbst als Schüler erlebt hat, "möchte ich als Physiklehrer nicht alt werden". Die übliche Art des Unterrichts, "das schreckt ab - fürs Leben". Ein Buch eines Lehrer-Kollegen, Josef Wittmann, der einen anderen Weg der Wissensvermittlung beschritt, führte zur Entwicklung eigener physikalischer Spielzeuge. Becker bastelt sie selbst, in seiner kleinen Schreinerwerkstatt im Keller. Ursprünglich hat er viele Kollegen und Studenten geschult, sich dann aber immer stärker interessierten Laien zugewandt, die heute sein Zielpublikum sind.

Die Sache mit dem Fahrrad

Becker fasziniert an der Spielzeugphysik, dass sie eben nicht nur eine Spielerei ist: "Das ist so ein fantastisches Thema, weil man Kunst, Physik, Mathematik, Kunstgeschichte, Biologie, Informatik, alles miteinander verknüpfen kann." Und dann ist da noch die technische Anwendung: Vieles von dem, was man in der Ausstellung spielerisch ausprobieren kann, kennt man auch aus seinem Alltag. Becker greift sich als Beispiel eine große Holztafel: Darauf prangt das weiße Original-Symbol, das man von Radwegen kennt. "Schauen Sie mal", sagt der Physiker - eine Aufforderung, die für die ganze Ausstellung gilt. Hhhmmm. Der Test-Besucher schaut. Und sieht nur ein Fahrrad-Symbol.

Becker gibt Hilfestellung: "Mit so einem Rad würde ich nie fahren." Ah! Jetzt ist alles klar. Der Neuling entdeckt: Die Reifen sind oval. Damit könnte man gar nicht fahren. Becker neigt die Tafel ein wenig, schickt den Besucher ein paar Schritte zurück. "Jetzt gehen Sie mal in die Knie, machen Sie ein Auge zu und schauen Sie nochmal". Also doch alles eine Frage des Blickwinkels. Der macht sogar Eier-Reifen völlig rund.
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