"Wir haben alle einen Gott"

Besucher der Veranstaltung prangerten die fehlende Einmischung der Religionen in Sachen Wohlstandsverteilung und Verantwortung der Konfessionen gegenüber der Flüchtlingsproblematik an.

Am Ende des Abends bat der Initiator, Pfarrer Dr. Reinhard Böttcher, zu Getränken und Häppchen. Dabei war folgender Hinweis nicht ganz unwichtig: "Die vorderen Platten sind ohne Schweinefleisch und die hinteren mit."

"Leider bin ich etwas underdressed, aber ich betreue gerade eine Jugendgruppe und bin mit ihr am Malen": Gut gelaunt begrüßte der Hausherr, Pfarrer Joachim von Kölichen, all die, die in das Gemeindehaus der Paulanerkirche gekommen waren. Vertreter der Religionsgemeinschaften Ambergs gaben sich dort anlässlich der interkulturellen Woche unter dem Thema "Die Leidenschaft Gottes ist der lebendige Mensch!" ein Stelldichein.

Mit der Kippa

Allein die Kopfbedeckung des Rabbiners Elias Dray - er trug eine Kippa - ließ den Besucher einen religiösen Hintergrund vermuten. Ansonsten waren die Herren Business-mäßig (Hemd, Krawatte, Jackett), die Damen elegant gekleidet. Marina Koller und Helmtrud Egorow von der Russisch-Orthodoxen Gemeinde saßen an einem separaten Tisch - und das erweckte den Eindruck der Wahrung alter Traditionen. Sie bekamen, nach der Einführung durch Pfarrer Böttcher, als erste das Wort, um ihre Gemeinschaft vorzustellen.

Diese besteht aus ungefähr 100 Mitgliedern und ist am Bergsteig angesiedelt. Der im August verstorbene Ehemann von Helmtrud Egorow war das Kirchenoberhaupt und für die damaligen Flüchtlinge "ohne Schuhe und ohne Koffer", wie Marina Koller zitierte, der gute Geist, der den Gläubigen von 1952 an die Tür der Holzbaracke aufschloss.

Im Jahr 1969 brannte diese nieder. Fortan war die Erlöserkirche für ihre Gottesdienste ihr Zuhause. Sie wissen, wie es sich anfühlt, als Flüchtlinge in einem neuen Land zu leben. Diese Gemeinde hat keinen eigenen Pfarrer und erhält nur ab und zu den Besuch eines Priesters aus Regensburg. Die Witwe sprach sehr bewegt über den kürzlichen Verlust ihres Mannes und darüber, dass es für sie wirklich keinen Unterschied mache, nun die katholische Kirche zu besuchen.

"Wie können wir Juden sagen, wir können keinen Flüchtlingen helfen?" Der Gesandte der Israelitischen Kultusgemeinde, Rabbiner Elias Dray, brachte seinen Standpunkt auf einen Nenner: "Juden waren stets auf der Flucht." Und mit einem Klavierstück aus Schindlers Liste und einem vorgetragenen Lied untermalte er seinen Beitrag. Im Programm sollte es dann eigentlich mit der jesidischen Religionsgemeinschaft weitergehen, aber deren Mitglied konnte wegen Problemen mit seinen Kindern nicht kommen.

Als Vertreter der Türkisch-Islamischen Gemeinde rezitierte der Imam Salih Taskin (34 Jahre jung, verheiratet, zwei Kinder) in meditativem Gesang aus dem Koran. Eine deutschsprachige Muslimin (ohne Kopftuch) las aus der deutschen Übersetzung des Buches die Stelle vor, die er in Originalsprache vorher intoniert hatte. Und es klang wie in der Bibel: Genesis, die Schöpfungsgeschichte. Achim Yüksel fungierte als Übersetzer und hielt für diese Glaubensrichtung den Vortrag. Er fand dabei die Worte: "Emigration ist der Weg der Hoffnung, der Erwartung und der Ungewissheit." Und auch eine Lehre Mohammeds: "Wenn sein Nachbar hungert und er satt gegessen schlafen kann, gehört er nicht zu uns."

Lied geht unter die Haut

Für die Katholische Erwachsenenbildung waren Stefan Hirblinger und Pater Alfred Lindner da. Sie untermalten ihre Ansprachen mit Postern und Auszügen aus der aktuellen Enzyklika von Papst Franziskus.

Doch besonders unter die Haut ging das Lied von Werner Schmidbauer "Die ganz große Kunst". Schülerinnen des Dr.-Johanna-Decker-Gymnasiums hatten es ausgewählt und mit besonderen Fotos, die sie an die Wand projizierten, und dem Songtext "Sie kumman ausm Süden ..." entsprechend illustriert.
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