"Wir können auch Streik"

Warum hätten sie sich aus dem Konzept bringen lassen sollen? Die Metaller, auch die von Siemens, zogen ihr Warnstreik-Fest wie geplant durch, ohne sich von dem parallel anlaufenden Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel irritieren zu lassen. Bild: Hartl

Die rot-weißen Schals gab es am Eingang. Lange reichte der Vorrat nicht, obwohl hier kein Bayern-Fanclub unterwegs war. Ein Heimspiel wurde es trotzdem. Für die IG Metall.

Amberg. (zm) "Wir sind durch", merkte Horst Ott fast beiläufig an. Da war noch eine Unterhaltung mit dem IG-Metall-Bevollmächtigten in normaler Lautstärke möglich. Kurz darauf nicht mehr, das ACC füllte sich. Zum Abschluss der Warnstreiks in Bayern hatte die Gewerkschaft einen Tag vor der letzten und entscheidenden Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern noch einmal ihre Muskeln der Mobilisierung spielen lassen. In Amberg mit Erfolg.

Über 1300 Leute

Ott machte seine Warnstreikrechnung auf. Seit 29. Januar waren in seinem Nordoberpfälzer Bezirk 14 Betriebe mit 7400 Beschäftigten zu demonstrativen Arbeitsniederlegungen aufgerufen worden, 4500 Beschäftigte hatten sich angeschlossen. Zum Finale gab es gestern dieses zentrale Warnstreik-Fest. Das erste in Amberg, an das sich der Gewerkschafter erinnern kann. In elf Betrieben war seit Frühschicht-Beginn mobilisiert worden und in das ACC hatten mehr Menschen den Weg gefunden als erlaubt. Zugelassen sei das Haus für 825 Besucher, rechnete Ott vor. Gut, dass 525 gerade draußen zum Rauchen seien.

Nach Gewerkschaftsangaben haben mithin 1350 Beschäftigte bei dieser zentralen Kundgebung Flagge gezeigt. Allein 400 von Siemens Amberg, ebenso viele von Grammer, 170 von Kerb-Konus und zwei Busse der Luitpoldhütte, obwohl dort derzeit kurzgearbeitet wird. Offenbar gebe es auch noch so etwas wie eine Streikkultur, freute sich Ott. Denn ein Bus der Belegschaft von BHS Weiherhammer hatte in der Luitpoldhütte einen Frühschoppen eingelegt.

Dann Urabstimmung

Die ganz im Norden aufgerufenen Betriebe wie Siemens Kemnath, Faurecia (Trabitz) oder Hamm und Netzsch in Tirschenreuth beschränkten sich auf Kundgebungen vor den heimischen Werkstoren. Sie alle hatten jedoch Delegationen ihrer Betriebsräte oder Vertrauensleute geschickt. Das volle ACC im Rücken stärkte natürlich auch das Selbstbewusstsein der Metaller und Ott sprach ihnen aus dem Herzen als er verkündete: "Ich werde nicht zu einem dritten Warnstreik aufrufen. Wir können auch Urabstimmung und wir können auch Streik."

Auf den Tag 20 Jahre sei es her, erinnerte der Bevollmächtigte, dass die bayerische IG Metall die Urabstimmung für die 35-Stunden-Woche in Angriff genommen habe. Das Ergebnis sei bekannt, und die Arbeitgeberseite solle es sich noch einmal ganz genau vor Augen führen, wie dieser Streik ausgegangen sei, ließ Ott keine Zweifel aufkommen, auch in der jetzigen Runde die Gangart nötigenfalls zu verschärfen. Den derzeitigen Verhandlungsstand (Montag) charakterisierte der Gewerkschafter unter Beifall als "verantwortungslos" und von der nötigen Wertschätzung der in den Betrieben geleisteten Arbeit weit, weit entfernt.

Wenig Bewegung

"Das ist die letzte Chance", blickte der Bevollmächtigte auf den heutigen Tag. Viel bewegt habe sich bisher nicht. Die Arbeitgeberseite biete 2,2 Prozent mehr Lohn und Gehalt (Forderung 5,5), wolle die auslaufende Altersteilzeit-Regelung halbieren (mindestens beibehalten, besser ausbauen) und keine (Fort-)Bildungs-Freizeit (Rechtsanspruch verankern) zulassen. Wenn sich hier die Unternehmensseite nicht mehr bewege, so Ott, sehe er keinen Spielraum mehr, eine Urabstimmung abzuwenden.

Reichlich doppelzüngig

Am meisten irritiert ihn, dass alle Firmen schon deutlich höhere Lohnzuwächse eingebucht hätten, Siemens beispielsweise Tausende Arbeitsplätze abbauen und ständig ein Mangel an qualifizierten Kräften beklagt werde. Sich dennoch gegen die Forderungen der Metaller zu stellen, könne er deshalb nur als einen Rückfall in "eine Gutsherren-Mentalität" verstehen, wetterte Ott. Er hoffte am Montagmittag noch auf eine Einigung. Baden-Württemberg verhandelte zu diesem Zeitpunkt gerade. Ein Ergebnis dort wäre für Bayern wegweisend, spekulierte der Gewerkschafter.
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