"Wir sind froh, dass es euch gibt"

Hier ist ein eingespieltes Team (von links) am Werk: Richard Haller und Rita Spieß sind Tafel-Helfer der ersten Stunde. Gemeinsam mit Harald Stanek tüten sie Backwaren ein. Bilder: Huber

Als sich Rita Spieß der Tafel angeschlossen hat, ist ihr bewusst geworden, wie viele Lebensmittel im Müll landen. Dagegen könnte jeder Einzelne etwas tun. Die Mitarbeiter der Tafel machen das jede Woche vor. Schon seit zehn Jahren.

"Freitags hab' ich nix zu melden. Da ist Rita Spieß der Chef." Rita Spieß hat das gehört. Obwohl sie gerade Gebäck verpackt. Sie lacht. "Das müssen Sie unbedingt in die Zeitung schreiben", sagt sie. Nur für den Fall, dass Vorsitzender Bernhard Saurenbach es mal vergessen sollte. Der lacht mit. Schriftlich braucht er es sicher nicht: Er weiß sehr wohl, was er an seinen Mitstreitern hat.

Schätze im Keller

95 Ehrenamtliche packen mit an bei der Amberger Tafel, die einen in Fahrer-Teams, die anderen im "Laden". Dort gibt es zwei Ausgabe-Tage pro Woche, dienstags und freitags. Anpacken, das heißt zunächst einmal früh aufstehen: Ab 8 Uhr sind die Mitarbeiter in den Räumen an der Sulzbacher-Straße damit beschäftigt, neue Waren einzuräumen. Während die einen Plunderteilchen und Mohnschnecken eintüten, sortieren andere abgepackte Erdbeeren durch, öffnen große Zwiebelnetze und "portionieren" Kartoffeln in Tüten. Damit später wirklich jeder etwas bekommt. Das Versprechen gilt: Keiner der Kunden geht ohne Einkauf nach Hause. Auch wenn sich die anfangs prall gefüllten Regale im Lauf des Vormittags zunehmend leeren.

Zur Not gibt es ja noch die Schätze im Keller: Hier lagert der Verein seine Trockenware - lange haltbare Lebensmittel wie Nudeln oder die Palette Cornflakes, die er kürzlich vom Hersteller gespendet bekommen hat. Die Gefriertruhen sind momentan leer: Die Tafel braucht den Platz, ein Produzent von Tiefkühl-Waren hat eine größere Lieferung Pizza angekündigt. "Die ist immer sehr begehrt", weiß Saurenbach. Draußen in den Verkaufsräumen hat Teamchefin Rita Spieß alles im Griff. Drinnen im Büro laufen die Fäden bei Bernhard Saurenbach zusammen - aus bescheidenen Anfängen vor zehn Jahren ist Großes entstanden. Letztlich managt der Vereinsvorsitzende einen kleinen Supermarkt mit knapp 100 Mitarbeitern im Schichtdienst und mit einem Sortiment, das vom Ei bis zum Waschmittel reicht.

Der Kaffee für die Helfer ist fertig. Doch der muss warten. Damit später die Kundschaft nicht warten muss. Schließlich startet bald die Ausgabe der Lebensmittel. Die zu besorgen, ist Aufgabe der 25 Fahrer. 20 aller Mitarbeiter sind von Anfang an dabei, also schon seit zehn Jahren. Studentinnen, Hausfrauen, Berufstätige, die vor oder nach der Arbeit mithelfen, Rentner - die Aktiven bilden alle Gesellschaftsschichten ab. Der Altersschnitt liegt bei 62,7. Er wird ein bisschen sinken, denn die beiden Ältesten sind jetzt ausgestiegen. Mit 84 Jahren.

Spende per Knopfdruck

So alt wird das einst erste der inzwischen drei Tafel-Fahrzeuge nicht mehr werden: Der Transporter hat zehn Jahre und damit 205 000 Kilometer auf dem Buckel. Er muss ausgewechselt werden. 45 000 Euro kostet das. Einen Teil davon bekommt die Tafel per Knopfdruck: Lidl-Kunden können bei der Flaschenrückgabe eine Taste am Automaten drücken, der das Pfand nicht auszahlt, sondern es der Tafel gutschreibt. In den vergangenen sechs Jahren sind auf diesem Weg 8,2 Millionen Euro an den Bundesverband geflossen, der damit Projekte der ihm angeschlossenen Vereine unterstützt. Amberg erhält aus diesem Topf 10 000 Euro fürs neue Fahrzeug. Die Lions Amberg, Amberg-Sulzbach und Sulzbach-Rosenberg geben weitere 9000 Euro dazu.

Spaß im Team

Die Spender sind ein wichtiger Stützpfeiler der Tafel. Die Ehrenamtlichen ein weiterer. Vielen von ihnen ging es wie Rita Spieß: Sie hat vor zehn Jahren aus der Zeitung erfahren, dass die gerade ins Leben gerufene Amberger Tafel Mitarbeiter braucht: "Ich habe gelesen, es geht um Menschen, die nicht genug zu essen haben - und gedacht, das ist ja furchtbar. Da wollte ich helfen." Aus diesem Impuls und der folgenden ehrenamtlichen Arbeit ist schnell die Erkenntnis gewachsen, "was wir alles wegwerfen". Seither geht Rita Spieß bewusster mit ihren Lebensmitteln um - ein eingedrückter Apfel schmecke genauso gut wie ein makelloser.

Der Lohn für ihren Einsatz? Rita Spieß lächelt: "Es ist einfach schön - wenn man heimgeht und alles ist verteilt." Natürlich gibt es auch Einzelne, die etwas zu meckern haben. Wie überall. Außer im Tafel-Team: Alle nennen das gute Miteinander als einen wichtigen Grund dafür, dass sie jede Woche zum Dienst antreten. Wie Rita Spieß: "Ich freue mich jeden Freitag auf meine Tafel." Maria Frohmann, die nicht nur bei der Ausgabe, sondern auch im Vorstand aktiv ist, sieht das ähnlich. Sie hatte "immer gesagt, wenn ich mal nicht mehr berufstätig bin, engagiere ich mich ehrenamtlich".

Die Mär vom Mercedes

Vor fünf Jahren war es so weit. Eigentlich wollte sie sich das mit der Tafel nur mal anschauen. Und ist geblieben. Wegen der familiären Atmosphäre - und weil sie anderen helfen kann. "Man kriegt ja auch was zurück." Das kann ein Dankeschön sein. Oder eine Käsetorte: Die bäckt eine der Kundinnen einmal im Jahr für die Ehrenamtlichen. Post bekommen diese öfter. Ein paar Zeilen, die die Wertschätzung ihrer Arbeit ausdrücken: "Wir sind froh, dass es euch gibt", so hat es zuletzt ein Kunde formuliert. Doch auch weniger Erfreuliches hören die Helfer. Jene Stammtisch-Parolen, wonach vorm Tafel-Gebäude "jemand mit einem dicken Mercedes vorfährt" und "kistenweise Waren in den Kofferraum packt": Da, vermuten böse Zungen, könne es mit der Bedürftigkeit nicht weit her sein. Würden sie das nicht einfach so behaupten, sondern selbst vorbeikommen und mithelfen, wüssten sie es besser. Es gibt tatsächlich Leute, die mit einem - vielleicht auch "dicken" - Auto vorfahren und einladen. Doch das tun sie nicht für sich: Sie beliefern - übrigens auf eigene (Sprit- und Zeit-)Kosten - Bedürftige, die selbst nicht kommen können, weil sie dafür zu alt oder zu krank sind.

Helfen unter Freunden

Richard Lobenhofer, noch so ein Mann der ersten Stunde, war anfangs auch mit dem eigenen Auto für die Tafel auf Achse. Er gehört immer noch zum Fahrer-Team. "Gemüse ist da", verkündet er und bringt die letzte Ladung, kurz bevor der Verkauf beginnt. Als der Bundeswehrsoldat in Ruhestand ging, "waren irgendwann Keller und Balkon aufgeräumt", verrät er - und eine neue Aufgabe fällig. Gefunden hat er sie - unter anderem - bei der Tafel. Auch Lobenhofer schätzt hier das Miteinander "unter Freunden" und freut sich, dass er sein Armee-erprobtes Organisationstalent einbringen kann.

Von seinen Touren bringt er regelmäßig auch einen Witz mit. Heute nicht. Stattdessen verrät er seine Motivation - die Armut, gegen die "der Staat zu wenig macht". Also tut er etwas dagegen. Und ärgert sich, "dass bei uns um 18 Uhr beim Bäcker noch frisches Brot da sein muss - und dann wirft man es einfach weg". Oder man spendet es der Tafel. Dann kommen Lobenhofer und seine Kollegen, holen es ab und sorgen dafür, dass es dort landet, wo es hingehört: auf dem Tisch, nicht in der Tonne.
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