Zum Volkstrauertag in Amberg im 100. Jahr nach dem Beginn der "Urkatastrophe des 20. ...
Wie tief hinab reicht das Erinnern? oder: Was geht uns der Erste Weltkrieg an?

Martin Götz überlebte seinen Einsatz bei Verdun und heiratete 1916 seine Verlobte Marie Ketterl. Repro: Stadtarchiv Amberg
Über den weißen WeiherSind die wilden Vögel fortgezogen.Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.

Über unsere GräberBeugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.

Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.Unter DornenbogenO mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.

"Untergang" - so lautet die Überschrift dieses Gedichts von Georg Trakl, Selbstmord am 3. November 1914. "Untergang einer Welt" präzisiert der Titel eines erschütternden Bildbandes, den Trakls Landsleute vom Österreichischen Staatsarchiv 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlichten. Trakls Gedicht entstand bereits 1913, und der Untergang der alten Welt mag dem Dichter tatsächlich als Ahnung, als "eisiger Wind", spürbar gewesen sein. Kein ganzes Jahr später, kurz vor seinem Tod und tief gezeichnet von dem, was er erleben musste, formulierte er drastischer: "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung" ("Grodek").

Ist es 100 Jahre später überhaupt möglich, die gewaltige Umwälzung zu ermessen, die selbst den Zeitzeugen erst nach und nach bewusst wurde? Sicher nicht.

Muss man schweigen?

Wie tief reicht also das Erinnern? Welches sind seine Wegmarken? Gilt hier das Verdikt des Philosophen und Kriegsfreiwilligen Ludwig Wittgenstein (der nebenbei zum Freundeskreis Trakls gehörte) "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen"? Oder bleibt nur der Rückgriff auf die Bilder des Dichters, etwa von den herbstlichen Wäldern, die von "tötlichen Waffen" tönen (noch einmal Trakl, "Grodek").

Tatsächlich fiel es gerade den Kriegsteilnehmern selbst am schwersten, ihr inneres Erleben in der Rückschau zu konkretisieren. "Ich hatte das Gefühl, daß meine Augen ganz außer mir umhersähen, während ich selber ganz in mir war. Meine Beine bewegten sich, das Gepäck war schwer, aber das hatte mit mir nichts zu tun." (Ludwig Renn, "Krieg - Nachkrieg", 1951).

Ganz intensiv spiegeln sich die Erlebnisse noch in den ungefilterten Worten eines Briefes von Martin Götz. Der junge Amberger Techniker diente seit dem 29. April 1915 beim 1. Kgl. Bayerischen Schneeschuhbataillon. Nach ersten Einsätzen an den Fronten in den Vogesen und Tirol wurden Götz und seine Kameraden in die "Blutpumpe" Verdun geworfen. Aus dem Lazarett beschrieb er in einem Brief an seine Verlobte Marie Ketterl seine Erlebnisse beim Angriff auf Fort Souville im Juli 1916:

"Viele Tote und Verwundete lagen herum, umsonst heißt es nicht Totenschlucht. [...] Vor uns war ein Trichter voll Wasser, in diesen sauste ein Volltreffer u[nd] wir zwei waren vollständig durchnäßt. Zuerst meinten wir es ist Säure. Später als ich den Trichter verließ, wußte ich erst was los war. Ungefähr um 3 h stieg das Feuer aufs Höchste. Da fing unsere eigene Art[illerie] auch noch an in unsere Leute hinein zu schießen und im[m]er Salven. Jede Sekunde dachten wir, jetzt gilts uns. Unsere Art[illerie] schießt viel zu kurz. Auf Leuchtkugeln geben sie gar nicht Acht. Mindestens 1/3 unseres Bat[ta]l[lions] ist durch eigene Art[illerie] verloren gegangen. Eine blödsinnige Gesellschaft ist das. [...] Ich lief was ich konnte, aber schon nach 100 Schritten lag ein Verwundeter da mit einem Kopfschuß. Wir legten ihn in ein Zelttuch, banden Gewehre zusam[m]en u[nd] trugen ihn abwechselnd. Daß das langsam ging kann man sich denken. Bis zum Bahndam[m] u[nd] darüber kamen wir sehr gut. Da machten wir längere Rast. Hier lagen viele Tote vom 2. Bat[ta]l[ion], welche uns ablösten. Sind von den Franz[osen] mit Brandgranaten beschossen worden. An diesem Platz sah ich ein Bild, das vergesse ich nie.

Der Mann ohne Gesicht

Es saß ein Mann auf einem Stein, wahrscheinlich wollte er ausruhen, das Gewehr in der Hand, den Tornister noch auf. Ich wollte ihm ins Gesicht sehen wer es ist, er hat aber gar keins mehr gehabt. Das Gesicht war von einem Stück Schrappnellhülse heraus geschnitten von der Stirn bis zu den Ohren u[nd] Kinn u[nd] hing nach unten an der Haut. So saß er noch als er schon lange tot war in dieser Stellung. Nach der Ruhepause packten wir unseren Verwundete[n] wieder, brachte ihn noch bis 20 Min[uten] vor das Fort Douaumont, es konnte keiner mehr so erschöpft waren wir. 10 Min[uten] vor dem Fort bekam einer noch eine Schrappnellkugel in den Bauch, dieser konnte aber noch gehen. Im Fort angekom[m]en wurde ich nach Kassematte 5 verwiesen, wo unser Bat[ta]l[lion] sam[m]elte. Ich war furchtbar müde und froh, daß ich meine Rüstung ablegen konnte. [...] Das mußt Du mir aber versprechen, dass Du mir diesen Brief niemand zeigst als Deinen allernächsten Angehörigen. Daß Du mir diesen Brief gut aufhebst u[nd] sauber häl[t]st, das weiß ich ja. In meinem Tagebuch steht nichts von allem drin."

Wie tief mögen die Narben gewesen sein, die solche Erlebnisse bei den Überlebenden der Gefechte hinterließen? Selbst über die Kluft von 100 Jahren hinweg leuchtet Erich Maria Remarques Widmung in "Im Westen nichts Neues", er wolle über [s]eine Generation berichten, die "vom Kriege zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam", ohne weiteres ein.

Der Journalist Remarque selbst verwies am 18. Juni 1928 auf einen anderen Biographen der Materialschlacht. "Den Ablauf der Geschehnisse zeichnen die 'Stahlgewitter' mit der ganzen Macht der Fronterfahrung am stärksten [...] aufgezeichnet von einem Menschen, der wie ein Seismograph alle Schwingungen der Schlacht auffängt." Und tatsächlich war es auch der Autor der "Stahlgewitter", Ernst Jünger, der, Jahre später, das bestimmende Element jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts überaus einprägsam beschrieb:

Ein feuriger Raum

"Nun beginnt der Stellungskampf, in dem die wachsende Schwere, die sich des Krieges bemächtigt, sich dadurch andeutet, daß in den Heeresberichten durch Jahre hindurch immer wieder die Namen derselben Ortschaften, derselben Waldstücke, derselben Wasserläufe auftauchen als ein Zeichen dafür, daß für alle Teile der Gewinn im gleichen Maße zusammenschrumpft, in dem der Verlust härter wird. Die Schwerkraft des feurigen Raumes wird so bedeutend, daß die letzte Anstrengung großer Reiche sich in der Eroberung verwüsteter Landfetzen, zerschlagener Waldstücke und vernichteter Dörfer erschöpft" (Ernst Jünger, "Feuer und Bewegung oder Kriegerische Mathematik", 1934).

Hier schließt sich der Kreis. Jüngers "feuriger Raum" war auch Trakl bekannt und taucht bei ihm auf als "Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt" (Grodek, 1914).

Trakl, sein Bewunderer Wittgenstein (der übrigens in Linz dieselbe Schule besuchte wie ein anderer Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, Adolf Hitler), die beiden Amberger Georg Lang und Martin Götz, natürlich auch Remarque und der lang umstrittene Jünger: Sie und Millionen anderer junger Männer unterschiedlichster Nationen erhielten ihre Prägung auf Schlachtfeldern, die die industrielle Vernichtung menschlichen Lebens nur wenige Jahre später, einem Wetterleuchten gleich, vorwegnahmen.

Der Weg der "verlorenen Generation" des Ersten Weltkrieges mündet letztlich direkt in den zweiten globalen Konflikt. Er verbindet die beiden Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts miteinander - im Großen wie im Kleinen.
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