Amberger Bergsteig steht vor großen Veränderungen
Bagger greift sich Symbolbau

Jahrelang arbeiteten Lokalpolitik und Stadtbau auf diesen Moment hin: Der Rundbau an der Rosenthalstraße weicht einer völlig anderen, viel kleinteiligeren Bebauung. Bild: Huber
Politik
Amberg in der Oberpfalz
09.05.2016
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Alt-OB Wolfgang Dandorfer hat eine gravierende personelle Lücke hinterlassen. Keiner will mehr Bagger fahren. Sein Nachfolger nicht, der Landrat nicht und nicht einmal Stadtbau-Geschäftsführer Maximilian Hahn. Obwohl es um Großes geht.

Also musste ein Profi des Kümmersbrucker Abbruch- und Bauschutt-Recycling-Unternehmens Rubenbauer ran und die ausladende Baumaschine anwerfen: Der Abriss des legendären Rundbaus im Bergsteigviertel hat gestern begonnen. Am 30. Juni, so steht es im Vertrag, muss er weg sein. Dann kann das, was mit dem Projekt Soziale Stadt vor Jahren in Angriff genommen wurde, einen wichtigen Schritt weiter vorangetrieben werden. Der Bergsteig soll "ein neues Gesicht bekommen".

So drückte sich Stadtbau-Geschäftsführer Maximilian Hahn aus. Das dazu passende kommunalpolitische Aufatmen war förmlich hörbar. Der abgerundete Komplex im Verlauf einer langgezogenen Kurve an der Rosenthalstraße steht nicht nur, aber auch für über Jahrzehnte abgewirtschafteten sozialen Wohnungsbau. Zwar geht die lokalpolitische Rechnung, dass mit dem Problembau auch die Probleme verschwinden, nicht so einfach auf, letztendlich ist sie jedoch das Ziel.

Nicht übergestülpt


Das riss kurz auch Oberbürgermeister Michael Cerny an. Er legte jedoch Wert auf die Feststellung, dass den Bewohnern nichts gegen ihren Willen übergestülpt werde. Sie selbst hätten ihr reges Interesse bekundet, aus dem Ruch eines städtebaulichen und sozialen Brennpunkts herauszutreten. Der für das gesamte Areal (weitere Abrisse werden folgen) entwickelte Bebauungsplan mit Reihen-, Doppel- und Einfamilienhäusern sowie Geschosswohnungsbau in Maßen soll die Basis dafür schaffen.

Genug Zeit gelassen


Hahn merkte anlässlich des Abrissbeginns noch erleichtert an, die Stadtbau könne sich glücklich schätzen, dass die Entmietung des Rundbaus "problemlos, geruhsam und friedlich" verlaufen sei. Das kommunale Wohnbauunternehmen ließ sich auch entsprechend viel Zeit dafür. Nicht allzu viel Zeit möchte es sich mit der Nachfolgenutzung lassen und hofft, bereits im nächsten Jahr mit der Erschließung für die künftige Bebauung beginnen zu können. (Hintergrund, Angemerkt)

Der ganz große Hebel

Von Michael Zeißner

Der Rundbau trägt diesen Namen in zweierlei Hinsicht zu Recht: als langgestreckter, gerundeter Baukörper und als sozialer Brennpunkt, wo es über Jahrzehnte richtig rund gegangen ist. Der Komplex prägte das Glasscherbenviertel-Image des Bergsteigs und umgekehrt. Am Ende verschmolz beides untrennbar miteinander.

Was heute hie und da von alteingesessenen Ambergern mit sozialromantischem Zungenschlag als Bergsteig-Anekdote gehandelt wird, war damals, als es geschah, womöglich nichts anderes als ein gesellschaftliches Problem im Kielwasser von Zuwanderung. Egal, ob als (Nach-)Kriegsflüchtling oder als Wirtschaftswunder-Arbeitskraft.

Am Ende waren das Viertel sozial abgehängt und die Bewohner bis zu einem gewissen Maß gesellschaftlich stigmatisiert. Mit dem Projekt Soziale Stadt sollte diese fatale Spirale durchbrochen werden. Viele kleine Ansatzpunkte gab es schon. Mit der städtebaulichen Umgestaltung wird jetzt der ganz große Hebel angesetzt.

Allen Beteiligten und besonders den Bewohnern dort ist zu wünschen, dass dieser Kraftakt gelingen möge und nicht die Probleme schafft, die in urbanen Zentren als Gentrifizierung beschrieben werden: die Verdrängung sozioökonomisch schlechter gestellter Bevölkerungsschichten. Das wäre nicht im Sinne des Projekts Soziale Stadt.

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Mail an den Autor:

michael.zeissner@derneuetag.de

Hintergrund

Seit Jahren nicht mehr Standard

Amberg. (zm) Der drei- und viergeschossige Rundbau wies insgesamt 64 Wohneinheiten auf. Er hatte zehn Treppenhäuser auf einer Grundfläche von rund 3200 Quadratmetern. Seit vielen Jahren entsprachen die Wohnungen nicht mehr heutigen Standards. Das Abriss-Unternehmen Rubenbauer veranschlagt rund 18 000 Kubikmeter an Bauschutt, der über die eigene Recyclinganlage in Kümmersbruck verwertet und entsorgt wird. Ein Großteil der Arbeiten besteht in der Trennung der Baustoffe.

Individuellere Wohneinheiten

Amberg. (zm) Mit dem Abriss des Rundbau-Komplexes geht die Aufstellung eines neuen Bebauungsplanes für diesen Bereich im Südosten der Stadt einher. Ein Problem ist die Nachbarschaft der Kristall-Glasfabrik. Deshalb wird das Areal künftig vom Süden her über ein Mischgebiet (Garagen) in nördliche Richtung zu einem reinen Wohngebiet hochgestuft. Entstehen sollen Reihen-, Doppel- und Einfamilienhäuser sowie Geschosswohnungsbau in geringerem Umfang. Die Anzahl der Wohneinheiten wird gegenüber dem vorherigen Bestand sinken, die Wohnfläche pro Einheit aber steigen.
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