Behördenverlagerung kommt in Gang
Der erste Münchener packt seine Koffer

Stefan Behrendt tauscht die Münchner Freiheit gegen die Stadtbrille und Martinsturm. Der 34-Jährige zieht mit der IT-Stelle der Justitz nach Amberg. Bild: Steinbacher
Politik
Amberg in der Oberpfalz
29.01.2016
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Früher wurden in dem Gebäude Hosen zusammengenäht, ab März nimmt die Gemeinsame IT-Stelle der Justiz die Arbeit auf. Wolfgang Gründler (rechts) leitet die Behörde, Stellvertreter ist Marco Schwab. Bilder: Steinbacher (2)
Amberg: IT-Stelle der Justiz |

Strukturpolitik hat ein Gesicht: Stefan Behrendt verlässt München und zieht mit der IT-Stelle der bayerischen Justiz nach Amberg. Von 64 Mitarbeitern in der Landeshauptstadt waren nur 3 zu diesem Schritt bereit.

Die Möbel sind geliefert, die Kabel verlegt: In der Amberger Faberstraße ist alles hergerichtet. Am Dienstag, 1. März, können die Computer-Experten der Justizverwaltung in ihrem neuen 1900 Quadratmeter großen Domizil loslegen. "Ich bin begeistert", sagt Rechtspfleger Stefan Behrendt (34), als er die Räumlichkeiten zum ersten Mal sieht. "In München ist alles viel enger. Da gibt es oft ein Hauen und Stechen, nur um einen Besprechungsraum zu finden."

Am Platz scheitert es in Amberg wahrlich nicht. Die Gemeinsame IT-Stelle der bayerischen Justiz kommt in dem zweistöckigen Gebäude unter, in dem früher einmal die Firma Phoenix Hosen hergestellt hat. Für die 64 Beschäftigten, die einmal hier arbeiten sollen, gibt es auf den beiden Etagen großzügige Büros, Besprechungs- und Aufenthaltsräume. Die Behördenverlagerung ist Teil einer strukturpolitischen Initiative, die Finanz- und Heimatminister Markus Söder im März vergangenen Jahres verkündet hatte. Ihr Kern: der Umzug von mehr als 2000 Behördenstellen von München auf das Land.

Nach Bayerisch-Sibirien


"Wir starten erst einmal mit einer kleineren Mannschaft", erklärt der Chef der Behörde, Wolfgang Gründler. Im Laufe des Jahres soll die IT-Stelle auf etwa 20 Mitarbeiter anwachsen. Erst in fünf Jahren ist der Vollbetrieb mit 64 Leuten angepeilt. "Wenn es irgendwie möglich ist, dann auch schon früher", sagt Gründler. Schon jetzt ist allerdings klar, dass die wenigsten Kollegen von der Isar an die Vils wechseln. "Als klar war, dass unsere Behörde verlegt wird, war das für die meisten ein Schock", erzählt Behrendt. Von einem Umzug nach "bayerisch Sibirien" sei im Flurfunk die Rede gewesen. "Da wurde auch viel Stimmung gemacht", sagt der Bald-Amberger heute.

Die Leute hätten sich erst beruhigt, als ihnen versichert wurde, dass keiner gegen seinen Willen versetzt wird. Um in München bleiben zu können, mussten sich die Kollegen dann allerdings andere Jobs innerhalb der Justiz suchen. "Ich wollte aber unbedingt bei der IT-Stelle bleiben", sagt Behrendt. Deshalb habe er sich als einer der wenigen mit dem Gedanken befasst, mit seinem Arbeitsplatz mitzuziehen. Als der 34-Jährige dann zum ersten Mal in Amberg war, fiel ihm die Entscheidung plötzlich leicht. Behrendt sah sich die Altstadt an, kehrte in den Wirtshäusern ein, besuchte seine erste Oberpfälzer Kirchweih und ging sogar beim Amberg-Sulzbacher Landkreislauf an den Start. Integration für Großstädter. Doch nur zwei weitere Kollegen aus München machten es ihm nach. Was jemand, der seit vielen Jahren in Schwabing lebt, an Amberg schätzt? "Das viele Grün", sagt Behrendt spontan. "Mit dem Kind im Garten zu spielen ist doch schöner, als in der U-Bahn zu sitzen und sich am Starnberger See mit Hunderten anderen ein paar Quadratmeter zu teilen." Die Möglichkeit, im Sommer unter einem Apfelbaum einen Grill anzuwerfen - für den Münchener unbezahlbar. "Vielleicht kann ich in Vilseck ein Häuschen mieten", sagt der 34-Jährige, der mittlerweile auch gemerkt hat, dass der Mietmarkt in der Oberpfalz abgeräumt ist.

Mit dem Kind im Garten zu spielen ist doch schöner, als in der U-Bahn zu sitzen und sich am Starnberger See mit Hunderten anderen ein paar Quadratmeter zu teilen.Neu-Amberger Stefan Behrendt

Deswegen ist Behördenchef Gründler immer auf der Suche nach Wohnraum für seine Mitarbeiter. Er beschreibt die Behördenverlagerung als fließenden Prozess - auch, was die Zusammensetzung seiner Mannschaft betrifft. Zwar haben sich bisher nur drei Münchener bereiterklärt, in die Oberpfalz zu wechseln. Dafür erhalten Justizbedienstete an diversen anderen bayerischen Standorten endlich die Möglichkeit nach Amberg zu ziehen. "Teilweise warten die schon lange darauf." Oder sie pendeln an die Vils, so wie Gründler selbst. Der 54-jährige zweifache Familienvater fährt jeden Tag von Erlangen her.

Ihr Mitarbeiter-Soll füllt die IT-Stelle auch mit neuen Kräften auf. Erst vor wenigen Tagen gingen zwei Stellenausschreibungen für Informatiker raus. "Wir haben dazu auch schon mit der Ostbayerischen Technischen Hochschule Kontakt aufgenommen." Der Wissenschaftsstandort Amberg-Weiden biete für seine Behörde ideale Voraussetzungen.

Vorfreude auf das Bergfest


Stefan Behrendt beginnt im März erst einmal mit einer Zwei-Tage-Woche in Amberg. Im Herbst wird er dann voll in das Berufs- und Alltagsleben eines Oberpfälzers einsteigen. Er freut sich schon auf den nächsten Landkreislauf und das Mariahilfbergfest.

IT-Stelle der JustizDie Gemeinsame IT-Stelle der bayerischen Justiz ist zuständig für die Entwicklung, den Betrieb und die Betreuung der Informationstechnik der Gerichte und Staatsanwaltschaften in Bayern. Etwa 13 500 Anwender in den Justizbehörden greifen auf ihre Dienste zu. Die IT-Stelle verfügt über rund 270 Mitarbeiter an 38 quer über den Freistaat verteilten Standorten. In der Herzogspitalstraße unweit des Münchner Stachus - einer Parallelstraße zur Fußgängerzone - war bisher die Leitungsebene und Verwaltung untergebracht. Diese Einheit mit 64 Arbeitsplätzen zieht nun in den nächsten Jahren in die Amberger Faberstraße um. In Amberg ist bereits seit elf Jahren die IT-Beratungsstelle der bayerischen Justiz untergebracht. Von der Marienstraße aus kümmern sich 40 Computerexperten um streikende Rechner, lahme Drucker und Fragen zur Software-Bedienung. (upl)


Beflügelt von der Behörde
Angemerkt von Uli Piehler

„Typisch München!“, werden die Meckerer jetzt sagen. 64 Mitarbeiter der IT-Stelle sollten in die Oberpfalz umziehen, 3 sind es letztendlich nur geworden. Für Anhänger der Kirchturmpolitik ein gefundenes Fressen. Ehrlicherweise sollten wir Oberpfälzer aber auch dem Münchener zugestehen, was wir selbst oft am lautesten einfordern: Daheim ist es am schönsten! Das gilt halt auch für Großstädter.
Als das Amt für ländliche Entwicklung vor drei Jahren von Regensburg nach Tirschenreuth verlegt wurde, war die Gemengelage ähnlich. Regensburger, die unter keinen Umständen in den Norden des Bezirks umziehen oder pendeln wollten, ätzten damals, das Projekt werde sich strukturpolitisch höchstens beim Leberkässemmel-Verzehr bemerkbar machen. Weit gefehlt! Schon jetzt zeigt sich, dass die rund 140 neuen Jobs das ganze Stiftland beflügeln.
Spätestens in fünf Jahren soll auch die IT-Stelle in Amberg 64 neue, hochqualifizierte Arbeitsplätze bieten. Das ist nichts weniger als ein weiteres Konjunkturprogramm für die Oberpfalz – egal ob die Mitarbeiter aus München oder aus der Region stammen.

uli.piehler@derneuetag.de
7 Kommentare
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 29.01.2016 | 10:34  
Uli Piehler aus Amberg in der Oberpfalz | 29.01.2016 | 10:43  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 29.01.2016 | 12:04  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 29.01.2016 | 12:04  
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Anton Breinbauer aus Weiden in der Oberpfalz | 04.02.2016 | 11:09  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 04.02.2016 | 11:28  
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Anton Breinbauer aus Weiden in der Oberpfalz | 04.02.2016 | 11:54  
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