Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller im ACC
Die Eine Welt ist schon da

Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (rechts) war das Rednerpult im ACC zu hoch über dem Publikum, also stellte er sich vor die Zuhörer. Den Vertretern von Verbänden und Hilfsorganisationen, aber auch Gymnasiasten oder jungen Flüchtlingen, die einen Integrationskurs besuchen, erklärte er, was man in Deutschland dafür tun könne, Zukunftschancen für Menschen überall auf der Welt zu schaffen. Gelinge das nicht, setze Migration ein: "Die Flüchtlingskrise zeigt uns, dass wir in Einer Welt leben." Bild:
Politik
Amberg in der Oberpfalz
20.04.2016
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Shirko Mohammad bekommt Beifall. Nicht allein, weil der Syrer, der seit August 2014 in Deutschland ist, so gut Deutsch spricht. Sondern auch, weil er zum Minister nach vorne geht und ihm erklärt, warum das mit der Sprache bei ihm gut klappt: "Wenn man den Willen hat, kann man es schaffen."

Eine Einschränkung macht der 27-Jährige allerdings: "Ich glaube, Hochdeutsch kann man in einem Jahr lernen, aber Bayerisch, das dauert viel länger." Jetzt will Entwicklungshilfeminister Gerd Müller auch wissen, was Mohammad hier gut gefällt. Antwort: "Wenn es Regeln gibt, dann halten sich die Leute dran." Als Müller noch fragt, ob die Syrer nach Hause zurück wollten, wenn in der Heimat Friede herrschen sollte, gibt der Sprach-Musterschüler womöglich nicht die erhoffte Auskunft: Einige schon, sagt er, er aber nicht, und viele andere auch nicht.

Jetzt war die Eine Welt nicht nur ein Thema, über das man beim Zukunftsforum der CSU am Dienstag im ACC sprach, weil gerade der für Entwicklungshilfe zuständige Bundesminister zu Gast war, das aber ansonsten weit weg ist. Jetzt stand die Welt da und machte deutlich, dass das Thema Flüchtlinge die Deutschen eine Generation lang herausfordern werde, wie Müller sagte.

Der Zustrom ist für ihn nicht überraschend. Er habe gesehen, wie in den Flüchtlingscamps rund um Syrien "zehn Millionen Menschen in brutalsten Verhältnissen leben", oft in Zelten auf dem blanken Boden schlafend. Was es heißt, wenn die reichen Nationen das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nicht mehr ausreichend finanzieren, hat Müller in einem riesigen Lager für Somalier mitbekommen: den Schrecken auf dem Gesicht der Mutter von fünf Kindern, die vom Reis in ihrer Plastiktüte - die Wochenration - zehn Becher wieder abgeben musste.

Der Kaffee zeigt's


Um den Exodus nach Europa einzudämmen, müsse man aber die Probleme vor Ort lösen. Die Tasse fairen Kaffee, die Müller nach seinem Vortrag verlangt, dient ihm als Beispiel: In Westafrika könnten Kinder nicht zur Schule gehen, weil ihre Eltern sie bei der Ernte von Kaffee- und Kakaobohnen brauchen, um überleben zu können - "weil wir nicht bereit sind, einen fairen Preis zu zahlen".

Der Minister hat 2014 ein "Textilbündnis" deutscher Firmen gegründet. Das Symbol eines grünen Knopfs steht dabei für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Niedriglohnländern. Das führe nicht zu einem geringeren Lebensstandard in Deutschland, erklärt er auf eine Frage Heike von Eybs, der Sprecherin der Steuerungsgruppe des Projekts Fairtrade-Stadt Amberg: "Die Jeans, die Sie anhaben, hat einen Warenwert von zwei Euro, Sie haben aber 80 oder 100 Euro dafür bezahlt." Damit dafür nicht weiterhin Näherinnen in Bangladesch ausgebeutet würden, müsse die Lieferkette schon am Anfang so sein, dass auch sie davon leben können: "Es müssen also nicht zwei, sondern drei Euro in Bangladesch bleiben. Und damit nimmt man den Deutschen ja nichts weg." Der Verbraucher müsse aber hier seine enorme Marktmacht auch in die Waagschale werfen: "Gehen Sie in das Bekleidungsgeschäft und fragen Sie: 'Haben Sie schon mal was vom grünen Knopf vom Müller gehört?'."

Der falsche Ansatz


Was er vom "öffentlichen Menschenhandel der EU mit der Türkei" hält, ist die letzte Frage an den Minister. Müller nennt das Abkommen, mit dem die Türkei Flüchtlinge aus Griechenland zurücknimmt, "sinnvoll und wichtig". Man könne nicht die Probleme der Welt in Deutschland lösen. Das sei der falsche Ansatz. Hier gebe man 25 Milliarden Euro für eine Million Flüchtlinge aus, während die gesamte Weltgemeinschaft nur 10 Milliarden im Jahr aufbringen müsste, um die gesamte Region um Syrien zu stabilisieren.

Müller-Zitate"Coffee to go - das neue Coolsein - das ist pure Ressourcenverschwendung. ... Und George Clooney mit seinen Kaffeekapseln, drei bis vier Milliarden; ist das modern und cool oder nur dumm und blöd?"

"Wir streben ein carbonfreies Jahrhundert an - ohne Verbrennung von Öl, Gas und Kohle."

"Wir sind die Generation, die mit ihrer Lebens- und Wirtschaftsweise den Planeten an den Rand der Apokalypse führt." (ll)
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