Durchwachte Nächte - Reaktionen auf den Sieg Donald Trumps
Blick nach Amerika nach der US-Wahl

Auf allen Kanälen lief am Mittwoch das Ergebnis der US-Wahl: Viele Amberger sind schockiert. Prognosen hatten den Sieg von Donald Trump nicht angedeutet. (Foto: wsb)
Politik
Amberg in der Oberpfalz
09.11.2016
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Ralf Hoppe schlug sich die Nacht um die Ohren. Der Unternehmenssprecher von Grammer lebte viele Jahre in Nordamerika. Für ihn war es von Dienstag auf Mittwoch Pflicht, dabei zu sein, wenn der 45. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wird. Das Ergebnis überraschte - aber nicht nur.

Kritisieren will er den Wahlsieg von Donald Trump nicht. "Es steht uns überhaupt nicht zu, das Ergebnis der amerikanischen Wähler zu kommentieren", sagte Ralf Hoppe und verweist auf die Aufstellung seines weltweit agierenden Konzerns mit Firmensitz in Amberg: 2000 Mitarbeiter, verteilt auf insgesamt fünf Standorte in Nord- und Südamerika, generieren 250 Millionen Euro Umsatz - "wir sind dort stark engagiert". Hoppe möchte jetzt ausschließlich den Blick auf die Zukunft richten: "Für uns wird entscheidend sein, ob es relevante Änderungen gibt oder nicht."

260 Firmen gibt es im gesamten Bezirk der IHK Regensburg für Oberpfalz und Kelheim, die wirtschaftlich in Amerika aktiv sind. 250 davon exportieren in die USA, 50 importieren. "Die Zahl ergibt sich daraus, dass viele auch in doppelter Funktion tätig sind", informierte IHK-Pressesprecher Christian Götz. Mit Sorge würden die Unternehmen die derzeitige Tendenz der Stimmung betrachten, die sich gegen eine weitere Globalisierung richtet.

Europaabgeordneter Ismail Ertug (SPD) weilte am Mittwoch in Brüssel. Auch dort liefen die Drähte zum Thema Nummer 1 heiß. "Ich hatte ein ähnliches Bauchgefühl wie vor der Brexit-Entscheidung", so Ertug. Insofern habe ihn das Ergebnis nicht überrascht, obwohl er sich ein anderes gewünscht hätte. Der Amberger verfolgte ab 4.30 Uhr die Nachrichten im Fernsehen. Eine Antwort auf die Warum-Frage zu finden, bezeichnete er als schwierig. "Tatsächlich hat der Westen kein Programm dafür, wie man außerhalb des emanzipatorischen oberen Drittels der Gesellschaft jemanden anspricht. Denen, die sich abgehängt und als Verlierer fühlen, geben wir keine Antwort. Zumindest schaffen wir es nicht." Ertug hat seiner Aussage nach immer zu denen gehört, die sich gegen eine Weiterführung der neoliberalen Doktrin ausgesprochen haben, "die tief bis in meine Partei hinein verwurzelt ist". Als Beispiel nannte er das Freihandelsabkommen TTIP. "Wenn man sich anschaut, wie die Menschen dagegen auf die Straße gegangen sind, dann kann man das nicht beiseite wischen. Das tut die politische Elite aber, indem sie nur die positiven Aspekte dieser Freihandelsabkommen sieht, die es zugegeben auch gibt." Er ist der Meinung: "Wir müssen eine Verschnaufpause der ungezügelten Globalisierung einleiten und uns klar werden: Wer sind die Gewinner? Wer sind die Verlierer? Und wo wollen wir überhaupt hin?"

Als Ismail Ertug in Brüssel gerade aufstand, ging Bundestagsabgeordneter Alois Karl (CSU) in Berlin zu Bett. Von 1 bis 4 Uhr morgens war er Gast auf der Wahlparty in der US-Botschaft. Dort lief die Originalübertragung von CNN, "und es war dramatisch". Karl bezeichnete das Flair dort als "beeindruckend, wenn auch das Ergebnis alles andere als erwartet oder erwünscht ausgefallen ist". Seine Erkenntnis daraus: "Man darf sich nicht auf Umfragen oder die veröffentlichte Meinung verlassen - die Menschen sind völlig frei in ihrer Wahl."

Auch Bundestagsabgeordnete Barbara Lanzinger (CSU) blieb die halbe Nacht wach. Sie hätte sich einen anderen Ausgang der Wahl gewünscht: "Mir wäre Hillary Clinton lieber gewesen. Sie wirkt ausgleichender und vor allem diplomatischer. Die Verrohung der Sprache und die Spaltung der Gesellschaft im Trump-Wahlkampf hat mich sehr gestört."

Landtagsabgeordneter Dr. Harald Schwartz (CSU) positioniert sich auf Facebook: Seiner Meinung nach ist es "äußerst bedenklich, wenn deutsche Politiker und Medienschaffende das Ergebnis ordnungsgemäßer, demokratischer Wahlen mit langen Diskussionen, hoher Wahlbeteiligung und klarem Obsiegen eines Kandidaten in einem anderen Land aufgrund unserer lokalen medialen Begleitung, regelmäßig ohne Beschäftigung mit Primärquellen negativ beurteilen".

Seine Tante ist Amerikanerin und als ehemaliger Englischlehrer versuchte er regelmäßig den Schülern das amerikanische Wahlergebnis zu erklären. Doch jetzt macht es Landrat Richard Reisinger fast sprachlos. "Womöglich wollten die Amerikaner eine Veränderung im Politikstil, in der Parteienlandschaft, und das alles getragen von der Hoffnung auf mehr Arbeitsplätze, sinkende Steuern und die Sehnsucht nach alter Stärke, wie auch immer man diese interpretieren mag", versucht Reisinger diese Wahl zu erklären.

Als OB Michael Cerny am Morgen von seiner Frau erfuhr, wer amerikanischer Präsident wird, dachte er, sie scherze. "Aus der Ferne hielt ich es für undenkbar, das Trump gewinnt." Er findet es unwahrscheinlich, dass das Zusammenleben zwischen Amerikanern und Ambergern beeinflusst wird. Stattdessen müsse man das Verhältnis zwischen den beiden Ländern beobachten. "Schlimm genug, dass man eine neue Basis definieren muss, was Werte betrifft." Es bedürfe einer neuen Antwort auf die Frage: Sind wir uns einig, dass wir uns einig sind?

Wir müssen eine, nennen wir es mal, Verschnaufpause der ungezügelten Globalisierung einleiten und uns klar werden: Wer sind die Gewinner? Wer sind die Verlierer? Und wo wollen wir überhaupt hin?SPD-Europaabgeordneter Ismail Ertug

Aggressivität im Internet


Für Kommunikationswissenschaftler Dr. André Haller, gebürtiger Sulzbach-Rosenberger, verlief die Election-Night des Fachbereichs für Amerikanistik an der Uni Bamberg "sehr aufschlussreich, vor allem was die Beurteilung auf deutscher Seite angeht". Vonseiten der Studenten seien die Sympathien klar bei Clinton gewesen. "Ich schätze 90 zu 10 Prozent." Als die ersten Ergebnisse für Trump eintrafen, habe ein kleiner Teil recht euphorisch geklatscht und gejubelt, was nicht sehr positiv aufgenommen wurde.

Am Tag nach der Wahl fällt dem Sulzbach-Rosenberger auf, dass in den sozialen Medien sehr aggressiv und teilweise auch beleidigend, wie dumm die Amerikaner seien oder ähnliches, gegenüber dem amerikanischen Volk gepostet werde. "Man sieht: Die Aggressivität im Wahlkampf kommt nicht nur von einer Seite."

Zitate"Ja, ich bin überrascht vom Ausgang der Wahl. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Trump gewinnt. Ich bin heute früh um 5 Uhr wach gewesen und habe überlegt, ob ich den Fernseher anmache, dachte aber: Nein, sicher ist alles gut und Hillary Clinton hat gewonnen. Ich habe mich dann von den Nachrichten wecken lassen, indem ich um 7 Uhr mit meinem Sohn Maxi den Fernseher angeschaltet habe. Da war ich ganz schön erschüttert. "
"Als wir in den USA gelebt haben war Bush noch amtierender Präsident. Viele der Leute haben sich für seine Politik entschuldigt. Wir haben die Wahl-Kampagne für Obama miterlebt, samt positiver Aufbruchsstimmung, diese Hoffnung auf Wandel in die positive Richtung, also für menschliche Werte. Ich werde dieses Gefühl, das in der Luft lag, nie vergessen."
Marina Münch aus Hahnbach, lebte in Chicago.

"Ich bin immer noch schockiert. Ich ging fest davon aus, dass es knapp sein würde, aber dass sie die Oberhand behält." "Man kann nur hoffen, dass alles, was er versprochen hat, nicht eintritt."
Hans Bloch (72), geboren in Deutschland, aufgewachsen in Philadelphia, seit 25 Jahren lebt er mit amerikanischer Staatsbürgerschaft in Amberg.

"Trump ist für mich ein Fluch, weil ich eher demokratisch wählen würde, wenn ich könnte, aber als Republikaner hätte ich ihn auch gewählt. Ich bin bloß froh, dass die Wahl vorbei ist. Da sind sich, glaube ich, alle einig."
Anita Kreps, geboren in Amberg, lebt in Virginia und arbeitet bei Lidl.



"Bin gerade aufgewacht und muss den Schock erst mal verdauen."
Doris Markl Grose, geboren in Amberg, lebt in Detroit.



"Die Leute wissen, dass bei Hillary vieles nicht mit rechten Dingen zugeht, deswegen hat sich damals Obama als Kandidat gegen sie durchgesetzt. Leider hat sich dieser Verdacht verstärkt. Hillary scheint diesmal den besseren und beliebteren Kandidaten Bernie Sanders, meinen Favoriten, gleich von Anfang an selbst aus dem Rennen genommen zu haben. ... Manchmal schien es fast, als würde Hillary auch in den deutschen Medien Wahlkampf betreiben. Vor allem, als deutsche Medien und hochrangige Politiker sich oft bewusst verletzend über Trump geäußert haben. Was, wenn diese Politiker in der Zukunft mit Präsident Trump zu tun haben werden? Das haben sie nicht bedacht. Vielleicht flattern bald wieder Anklagen wegen Beleidigung von ausländischen Vertretern und Organen ins Haus ..."
Verena Weiß, lebt in Denver, 2001 Abitur am Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium.



"Das Ergebnis hat mich überrascht, schockiert und enttäuscht. Ich hatte mir drei Stücke Torte gekauft, um sie während der Wahlnacht zur Feier eines Clinton-Siegs zu verspeisen. Am nächsten Morgen lagen sie noch unberührt im Kühlschrank."
Andreas Moser, geboren in Amberg, arbeitete als Jurist in den USA sowie für die US-Armee in Vilseck, lebt derzeit in Peru.


Und jetzt? Angemerkt von Andrea MußemannDie einen wurden von einem spontanen Brechreiz übermannt, die anderen stimmten Jubel-Rufe an (gab's bestimmt, allein wir fanden niemanden). In allen Fällen war jedoch eines gleich: Überraschung pur. Wer am Dienstagabend mit den Prognosen für Clinton ins Bett ging, wurde am Morgen mit dem gegenteiligen Resultat konfrontiert. Ähnlich lief es am 23. Juni mit der Abstimmung beim Brexit. Allen Prognosen von Meinungsforschungsinstituten zum Trotz folgte das Ausstiegsvotum Großbritanniens aus der EU.

Die Sprachlosigkeit ob der Ereignisse in Amerika am 9. November (Verschwörungstheoretiker ziehen Parallelen zu 9/11) hielt gestern nicht mal bis Mittag. In Amerika wurde noch geschlafen, in Deutschland ging's rund: Trump und die US-Wahlen waren auch in Amberg Gesprächsthema Nummer 1. Es schwappte die Welle der Meinungsmache über einen Mann, der Wurzeln im pfälzischen Kallstadt haben soll. Ein Ort, der einst zum Königreich Bayern gehörte.

Es ist in diesen Tagen fast so, als würde die Populismus-Warze wie ein niemals endender Ausschlag an immer neuen und anderen Stellen auftauchen. Ja, wir haben Angst. Nicht so sehr vor Trump und Amerika, das ist heute und vielleicht auch morgen noch weit weg. Sondern vor all jenen, die bisher geltende Werte durch den Fleischwolf drehen und sie neu und anders verkaufen. Mit Gewinn. Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern lässt grüßen.
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