Entwicklungspolitiker Uwe Kekeritz über fairen Handel
Auch Holz aus der Region ist fair

Ungleichgewichte austarieren will der Entwicklungspolitiker Uwe Kekeritz. Als eines der Mittel dazu propagiert er den fairen Handel. Der Bundestagsabgeordnete aus dem Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim sprach am Montag in Amberg auf Einladung des Grünen-Kreisverbandes über sein Konzept einer fairen Kommune. Bild: Steinbacher

Uwe Kekeritz wohnt im Wahlkreis von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Deshalb kann der Bundestagsabgeordnete der Grünen auch vom Milchpreis ausgehend schnell erklären, warum es fairen Handel braucht.

"Überall merken die Landwirte jetzt, dass sie mit diesem Agrarsystem an die Wand gefahren werden", sagt Kekeritz im Pressegespräch vor seinem abendlichen Vortrag im Café Zentral zum Thema "Fairness fängt bei uns an". Das sehe im Lichte von TTIP inzwischen selbst der Bauernverband so. Denn bisher habe die deutsche Politik bei der Milch eine Exportankurbelung angestrebt. Bei den Industrienationen brauche man das aber nicht versuchen, also blieben nur die Entwicklungsländer - "und das macht mich als Entwicklungspolitiker zornig".

Milchpulver zu billig


Denn die europäischen Milchprodukte hätten dort auf dem einheimischen Markt keine Chance, wenn die EU nicht mit vielen afrikanischen oder südamerikanischen Ländern bilaterale Verträge geschlossen hätte. "Dadurch müssen sie ihren Markt für Milchpulver öffnen, auch wenn sie gar keine deutsche Milch brauchen, weil sie selbst genug haben, bloß halt nicht so billig." Ibrahim Diallo, der Präsident eines Kleinmolkereienverbands aus Burkina Faso, habe ihm das mal erklärt: Er müsse für den Liter Milch 70 bis 80 Cent verlangen; das deutsche Milchpulver dafür bekomme man für 25 Cent.

Folge: Den einheimischen Milchbauern raubt man ihre Existenz, dem Land seine Entwicklungsmöglichkeit. "Und da sind wir schnell bei den Ursachen für den Flüchtlingsstrom aus Afrika." Denn früher seien die Bauern, denen man die Lebensgrundlage nahm, in die Slums der Hauptstädte gezogen, heute wollten sie gleich übers Mittelmeer. In den Worten von Ibrahim Diallo: "Europa muss wissen, was es will."

Auch das europäische Agrarsystem, das die Großen überproportional gefördert habe, ist laut Kekeritz nicht mehr lebensfähig. Obwohl hoch subventioniert - 130 Millionen Euro stecke die EU jeden Tag rein -, funktioniere es nicht mehr. "Wir brauchen ein Ausstiegsprogramm."

trägt seit 2015 den Titel "Fairtrade-Town". Kekeritz riet dazu, den bei der öffentlichen Beschaffung im Hinterkopf zu haben: "Ein Siebtel der Güter und Dienstleistungen könnte heute fair beschafft werden."

"Das fängt bei uns an"


Der Abgeordnete spricht auch von "Fairness, die bei uns anfängt". Darunter versteht er etwa , dass die Ausstattung eines Kindergartens mit Holz aus der Region durch einheimische Handwerker geschieht. Kirchen und Gemeinden sollten in ihren Friedhofssatzungen nur Grabsteine erlauben, die ohne Kinderarbeit produziert wurden. "Denn fairer Handel leistet einen wesentlichen Beitrag für Länder, die sonst instabil werden."

Politiker in AngstUwe Kekeritz hat es aus nächster Nähe mitbekommen: Die Anfeindungen seiner türkischstämmigen Fraktionskollegen durch den türkischen Präsidenten Erdogan und türkische Verbände nach der Armenien-Resolution des Bundestages bleiben nicht ohne Wirkung. "Die setzen ihnen wirklich zu", hat Kekeritz beobachtet. Einige hätten bisher viel Zeit in der Türkei verbracht - "und jetzt müssen sie Angst davor haben". Zwar hätten die Grünen-Politiker um Cem Özdemir gewusst, worauf sie sich mit ihrer Zustimmung zu der Resolution einließen, "aber die Vehemenz dieser Reaktionen war auch für sie überraschend". Was Kekeritz zusätzlich persönlich ärgert: "Viele türkische Verbände sehen jetzt plötzlich nicht mehr, dass gerade die Grünen viele Jahre für ihre Integration gekämpft haben." (ll)
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