Ex-Übersetzer der Bundeswehr bangt um Familie
Blick in die Hölle von Kundus

Auf dem Wohnzimmertisch in Amberg liegt der Artikel aus dem "Spiegel" über den Mord an einem Verwandten des ehemaligen afghanischen Bundeswehr-Übersetzers aus Kundus. Der vergilbte Ausdruck eines Bildes mit einem deutschen Offizier erinnert den 24-Jährigen an seine fünfjährigen Arbeit für die Bundeswehr. Bild: paa
 
Afghanische Kräfte sind aufgefahren, um die Taliban aus Kundus zu vertreiben. (Foto: dpa)

Seit Juni ist das Glück des afghanischen Paares perfekt. Doch der in Amberg geborene Sohn wird möglicherweise nie seine Großeltern kennenlernen. Seit Montag herrschen die Taliban in Kundus - und diese machen Jagd auf die Familie des jungen Vaters.

Abdullah* war stark und voller Hoffnung. Zu Hause in Afghanistan, in seiner Heimatstadt Kundus. Sonst hätte der 24-Jährige nie fünf Jahre als Übersetzer für die Bundeswehr arbeiten können. Er begleitete deutsche Soldaten auf Patrouille in die Dörfer in der Umgebung und in Nachbarprovinzen. Er übersetzte bei Besuchen von VIPs - in Dari oder in Paschtu. Abdullah half bei der Ausbildung von afghanischen Sicherheitskräften. Und er kennt die Orte nur zu gut, wo deutsche Soldaten kämpfen mussten und starben.

Aber jetzt, hier in Deutschland, ist er am Ende seiner Kräfte. Es ist die Angst um Eltern und Geschwister in Kundus, die ihn zerfrisst. Vor allem aber sind es die vergeblichen Bitten um Hilfe, die ihn verzweifeln lassen. Der junge Mann, der sein Leben für die Bundesrepublik Deutschland riskiert hat, droht an der deutschen Bürokratie zu zerbrechen. Dabei ist er so wunderbar hier in der Oberpfalz aufgenommen worden.

In Amberg aufgenommen

Da ist der ehemalige Soldat, den er seit dessen Einsatz im Jahr 2009 in Kundus kennt. Dieser holt den Afghanen und dessen Frau zu sich nach Amberg, als beide im April 2014 nach Deutschland kommen. Sechs Monate wohnen sie bei ihm und seiner Freundin. Als ehemalige "Ortskraft", wie afghanische Mitarbeiter im Bundeswehr-Jargon heißen, hat Abdullah ein Visum bekommen. Wie so viele frühere Übersetzer der Bundeswehr ist er von den Taliban bedroht worden - so wie jetzt seine Eltern und Geschwister, seit die islamistischen Extremisten die Stadt in Nordafghanistan erobert haben.

Brief um Brief, Gesuch um Gesuch hat er in den vergangenen Monaten geschrieben - an die Ausländerbehörde, ans Bundesverteidigungsministerium, an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Abdullahs Wunsch: Lasst meine Familie nach Deutschland kommen. "Meine Familie war schon Opfer", sagt er. "Wir haben schon viel bezahlt für die Nato- und Bundeswehrmission."

Wie so viele hat er das Unheil kommen sehen. Seit längerem sickern die Taliban in die afghanische Provinzhauptstadt ein. Zuvor wurde ein Video über eine Taliban-Versammlung verbreitet, bei der sich Hunderte Kämpfer die Treue schworen. Mehrfach erreichten Drohungen Abdullahs Familie. Sein 18-jähriger Bruder sollte zu den Taliban gepresst werden. Der Vater lässt seine Kinder aus Angst nicht mehr an die Universität oder in die Schule. Seit dem Einmarsch der Taliban in Kundus verstecken sie sich bei Freunden. In der Nacht vor dem Interview hat Abdullah mit seinen Eltern telefoniert. Wie lange es noch Kontakt gibt, weiß er nicht. In Kundus ist der Strom ausgefallen - und irgendwann sind die Akkus der Mobiltelefone leer.

Für die Taliban gilt Abdullah als Spion. Sie diffamieren ihn als Ungläubigen, obwohl er Muslim ist. Erschwerend kommt hinzu: Er und seine Familie sind Tadschiken - und ethnische Spannungen haben im Norden von Afghanistan eine lange, unselige Geschichte. Dass die Taliban es ernst meinen, haben sie im November 2013 bewiesen. Damals ermordeten sie einen Schwager von Abdullah. Er war ebenfalls Übersetzer bei der Bundeswehr. Da waren die Deutschen seit gut einem Monat aus Kundus abgezogen. Es waren Soldaten der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" aus Amberg, die im Oktober das Feldlager an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben hatten.

Im November 2013 war Abdullah schon in Kabul, er arbeitete weiter als Dolmetscher für die Bundeswehr. Dort wurde er entführt. Er wurde geschlagen, bis er das Bewusstsein verlor. Abdullah hatte damals keine Ausweise dabei. Deshalb war er wohl für die Entführer wertlos. Sein Glück: Sie warfen ihn wieder auf die Straße.

Sicherheit für die Familie

Schon bald danach kam er nach Deutschland. Dabei ist Kundus sein Paradies. "Mein Paradies ist nun die Hölle", sagt Abdullah und ringt um Fassung. "Ich kann nicht ertragen, wenn meine Mutter oder mein Bruder am Telefon weinen." Nun hat Abdullah nur einen Wunsch: Sicherheit und Frieden für seine Familie.

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* Der Name des jungen Afghanen wurde von der Redaktion zu seinem Schutz und zum Schutz seiner Familie geändert.
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