Frauen sagen: Wirkliche Gleichstellung ist noch nicht erreicht
Heldenrollen meist von Männern besetzt

Politik
Amberg in der Oberpfalz
29.08.2016
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Michaela Frauendorfer (links) und Karen Keppler (rechts) von der Frauen-Union Amberg im Landtag: "Das Potenzial, welches Frauen haben, darf nicht verloren gehen und wirkt zugleich dem Fachkräftemangel entgegen." Bild: hfz

Frauen lenken Flugzeuge, stehen an der Spitze von Konzernen und sind Kanzlerin. Alte Rollenbilder existieren nicht mehr. Und doch sagen viele Frauen: Wirkliche Gleichstellung ist noch nicht erreicht.

Amberg/München. Es ist schon einige Zeit her, dass im Plenarsaal des Landtags der Kongress zum Thema "20 Jahre Gleichstellungsgesetz in Bayern" tagte. Die Kreisvorsitzende der Frauen-Union Amberg, Michaela Frauendorfer, und Schriftführerin Karen Keppler waren auch dort und zogen jetzt, nachdem sie die Veranstaltung auf sich wirken hatten lassen, eine Bilanz.

Dr. Isabelle Kürschner, Unternehmensberaterin und Buchautorin, belegte mit Studien, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften den Gewinn eines Unternehmens um 15 Prozent steigern könne. Dennoch hätten Frauen von Beginn an Nachteile bei einer Anstellung in der freien Wirtschaft. Bei gleicher Qualifikation gebe es signifikante Gehaltsunterschiede. Männlichen Kollegen würden verantwortungsvollere Projekte anvertraut. Ein Umdenken müsse deshalb stattfinden.

Die US-Generalkonsulin Jennifer Gavito hält die Vorbildfunktion für den Schlüssel zum Wandel. Leider seien in Film und Fernsehen die Heldenrollen zumeist nach wie vor mit Männern besetzt, denen Frauen "lediglich dekorativ zuarbeiten".

Digitale Revolution Chance


Gabriele Zedlmayer, Präsidentin des HVB-Frauenbeirats, betonte, dass die digitale Revolution ungeahnte Chancen gerade für Frauen zur Weiterbildung und Berufsausübung im Home Office biete, was zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie führe.

Staatsministerin Emilia Müller erläuterte, dass der 5. Gleichstellungsbericht neben vielen fortschrittlichen Aspekten leider auch aufzeige: Gesetzliche Regelungen zur Gleichstellung im öffentlichen Dienst würden oftmals nicht umgesetzt. Deshalb sei eine Selbstverpflichtung zur Gleichstellung in den Ressorts notwendig und geplant. Allerdings gebe es in Bayern ein Novum: den vom Sozialministerium initiierten Familienpakt. Dieser bringe Unternehmen und Politik gemeinsam an einen Tisch, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gezielt zu fördern. Insgesamt seien fünf Maßnahmenpakete definiert worden, darunter die gute und wohnortnahe Kinderbetreuung auch in den Ferien. Die Pflege der Angehörigen solle in der Arbeitswelt stärker in den Vordergrund rücken. Weiter solle das Arbeitsergebnis und nicht mehr die Arbeitszeit (Qualität statt Quantität) in den Fokus gestellt werden. Familienverantwortung solle keine Karrierebremse sein.

"Dies kann die Frauen-Union nur unterstützen. Das Potenzial, welches Frauen haben, darf nicht verloren gehen und wirkt zugleich dem Fachkräftemangel entgegen", erklärt Michaela Frauendorfer. Mädchen würden eine Ausbildung auf hohem Niveau genießen und hervorragende Ergebnisse in den Prüfungen erzielen. Frauendorfers Fazit: "Wollen wir eine l(i)ebenswerte Gesellschaft mit Familien, muss sich die Arbeitswelt ändern und flexibler werden. Mehr Frauen in Vollzeit-Verantwortlichkeiten wie heute schon in Schweden? Dort ist die Gleichstellung schon lange im Bewusstsein von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft." Karen Keppler ergänzt: "Dort sind Meetings und Konferenzen nach 15.30 Uhr nicht erwünscht, es könnte ja sein, dass ein Vater oder eine Mutter ein Kind betreuen muss."

Verlust der Erfahrung


Auch müssten Frauen in Führungspositionen nach einer Familienpause besser in die Arbeitswelt integriert werden, fordern Frauendorfer und Keppler. Ein weiteres Problem ergebe sich für die Arbeitgeber, die erfahrene Arbeitskräfte schätzen. Frauen, die sich in der Lebensmitte noch einmal umorientieren, weil sie in ihrem erlernten Beruf keine Perspektiven haben oder unter Wert arbeiten, würden umsatteln, oftmals etwas völlig Neues beginnen oder sich ehrenamtlich engagieren. "Der Verlust der Erfahrung, den der Arbeitgeber dadurch erleidet, ist immens. Durch das Ausschöpfen dieser Ressourcen, natürlich einhergehend mit der entsprechenden Position, könnte dies verhindert werden", sagt Michaela Frauendorfer.
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