Jungsozialisten aus Amberg treffen sich mit Zeitzeugin Irene Stein
Stasi-Erwachen nach der Wende

Irene Stein (rechts) hatte zum Zeitzeugengespräch mit den Jusos auch einiges Anschauungsmaterial wie Urkunden, Schriften, Bücher und Medaillen aus der DDR mitgebracht, das sie Jonas Lay, Danielle Gömmel und Lukas Stollner (von links) zeigte. Bild: hfz

Im Oktober feiert Deutschland 25 Jahre Wiedervereinigung. Ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch der DDR haben sich die Bundesrepublik und ihre Menschen verändert. Wie sehr, das zeigte ein Gespräch der Jusos mit einer Zeitzeugin aus SED-Tagen.

Um einen Eindruck zu bekommen, wie es den Bürgern in der Deutschen Demokratischen Republik damals ging und welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten die Wende mit sich brachte, hatte der Unterbezirk der Jungsozialisten um Lukas Stollner (Birgland) und Danielle Gömmel (Postbauer-Heng) das Treffen mit Irene Stein, ehemaliges Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), in Kastl organisiert.

Angst, als Tochter flieht

Sie ging sehr kritisch auf ihren Werdegang, die Gründung der DDR sowie den Bau der Mauer und eines Systems ein, das schon bald immer mehr Risse zeigte (siehe auch Kasten). Neben ihrem Lebenslauf berichtete sie vor allem, wie sie das entscheidende Jahr 1989 wahrnahm: "Als Frau und Mutter, die in sozialer Sicherheit lebte - also, Arbeit, gute Kinderbetreuung, bezahlbare Wohnung und relativen Wohlstand genoss, und die immer hoffte, man könne das System noch reformieren -, hatte ich keinen Grund, gegen die DDR aufzustehen." Irene Stein erzählte den Jusos von ihrer Tochter, die sie eines Abends anrief und ihr mitteilte, dass sie ausreisen werde. Diese Entscheidung habe die Mutter schwer getroffen, da Stein zu diesem Zeitpunkt dachte, die beiden würden sich nie wiedersehen.

Doch dann kamen nach der Wende die alles verändernden Umwälzungen, die keine Rücksicht auf das bisherige, von 40 Jahren DDR geprägte Leben nahmen. Irene Stein beschrieb nach Mitteilung der Jusos den Alltag im Osten als nicht immer einfach. "Man hatte zwar Mangel, aber man hat sich gegenseitig geholfen und das Beste daraus gemacht", zitieren sie die Zeitzeugin in ihrer Presseinformation.

Genossen mit großer Lippe

Demnach ging Irene Stein auch auf das Thema Stasi ein. Sie selbst habe zwar mit der Staatssicherheit zu tun gehabt, wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter ein Besuchervisum zur Reise in die BRD beantragte oder wenn ein Mitbewohner der Gebäudeverwaltung sich bei der Polizei oder beim Betriebsschutz bewarb, dann sei über deren Leumund oder ihr "Auftreten im Wohnbezirk" gefragt worden. Irene Stein brauchte nach eigener Schilderung dennoch "keine negativen Aussagen machen" und habe "den Wunsch der Mitarbeiter oder Mitbewohner immer befürworten können" - Enttäuschungen seien ihr dabei erspart geblieben.

In ihrer Funktion habe sie ferner bei Staatsbesuchen, wenn zum Beispiel die Besichtigung eines Hochhauses geplant war, die Mitarbeiter auswählen müssen, die für den Block an diesem Tag verantwortlich waren: Aufzugsmonteure, Hausmeister usw. Aber auch sie selbst als leitende Angestellte habe nicht gewusst, wer für die Stasi arbeitete. Das erfuhr sie nach eigenen Aussagen erst nach der Wende über die Zeitung in Halle, die Namen der sogenannten Informellen und anderen Mitarbeiter veröffentlichte. "Da waren Genossen darunter, die im Betrieb immer eine große Lippe riskierten und provokativ auftraten", erinnerte sich Irene Stein.

"Ich war erschüttert"

Am Tag vor der Einführung der D-Mark hatte sie mit ihrer jüngsten Tochter eine Ausstellung der Oppositionellen besucht, die nach dem Sturm der Stasizentrale in Leipzig gefundenes Material über Spitzeltätigkeiten veröffentlichten. "Ich war erschüttert und konnte das alles nicht fassen", schüttelte die Zeitzeugin laut Mitteilung den Kopf. Aus diesem Grund und sozusagen nach dem "Erwachen" inklusive sofortiger Veränderung bisheriger Beziehungen sei es ihr nach der Wende nicht mehr möglich gewesen, in Halle-Neustadt zu bleiben. Kurz nach der Wiedervereinigung zog die Frau nach Bayern um.
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