Kirchweih wegen Nachbar-Beschwerden abgesagt
Die Geräusche einer Stadt

Eine Innenstadt lebt von ihrem Publikum. Cafés ziehen Gäste an (im Bild das Café Zentral während der Luftnacht 2014) und Menschen machen Geräusche. Viele Anwohner erdulden den Lärmpegel seit Jahren, andere nicht. Sie machen den Wirten zum Teil das Leben schwer. Bild: Steinbacher

Mit Franken wollen die Oberpfälzer in der Regel nicht verglichen werden. Gerade jetzt nicht? Die bayerische Traditions-Kirchweih in Kahl am Main ist heuer erstmals seit über 100 Jahren abgesagt worden, weil Nachbarn dagegen vor Gericht zogen. Sie sahen den Lärmpegel überschritten und bekamen Recht. Kann so etwas auch bei uns passieren?

Typisch fränkisch, aber ebenso undenkbar in der bierseligen Oberpfalz? Oder doch ein Supergau für das Amberg-Sulzbacher-Kirwaland? Die Wirte der Innenstadt können darüber nicht lachen. Ganz im Gegenteil: Probleme mit Anwohnern beschäftigen sie zum Teil schon Jahrzehnte. Christian Klostermann beispielsweise betreibt seit 1994 in der Lederergasse das Vis-à-vis, seit 2008 das UNS 5 in der Unteren Nabburger Straße. "Im Visa hatte ich ganz lange massive Schwierigkeiten. In Spitzenzeiten war die Polizei jedes Wochenende da." Die Anwohner hätten sich stets von den Gästen belästigt gefühlt, "weniger von der Kneipe selbst". Allerdings drehe sich dies mit der Zeit und "sie schimpfen nur noch auf die Kneipe".

Bis zu 50 Beschwerden

Musik, Gelächter, klirrende Flaschen - "mir ist klar, dass das nerven kann, wenn ich nicht gerade Teil davon bin", sagt Herbert Hottner, Geschäftsführer des Café Zentral am Marktplatz. Auch er kennt die Probleme mit immer denselben Anwohnern. Er wisse bloß nicht, wie sich ein gemeinsamer Konsens finden lassen könnte. Die Fronten sind mittlerweile zu verhärtet, Ordnungsamt und Anwälte eingeschaltet. "30 bis 50 Beschwerden gehen pro Jahr insgesamt ein", berichtet Stadt-Pressesprecherin Susanne Schwab vonseiten der Behörde. "Das Ordnungsamt schreitet allerdings nicht belehrend ein, sondern versucht zu vermitteln", sagt Schwab.

Zur Anzeige kommt es, wenn rechtliche Vorgaben nicht eingehalten werden. Zum Beispiel, wenn Lautstärke-Grenzen überschritten sind. Diese liegen tagsüber zwischen 6 und 22 Uhr bei 60, nachts bei 45 Dezibel. Zum Vergleich: Ein in Griffweite röhrender Staubsauger hat einen Schallpegel von 70 dB. Christian Stammler, Betreiber der Tenne am Malteserplatz - ein typisches Nachtlokal -, hat sogar extra "Silencer" eingestellt. Das ist Sicherheitspersonal, das für Ruhe sorgt. "Die erklären den Gästen vor der Tür, dass sie sich leise unterhalten sollen." Trotzdem muss sich der Tenne-Betreiber mit Unterschriftenlisten und Ordnungsamt auseinandersetzen. "Es gibt einen Beschwerdeführer in der Zehentgasse, der sich gestört fühlt und andere Anwohner ermutigt, zwecks Ruhestörung zu unterschreiben."

"Reden nicht mit Wirt"

Einen Königsweg zur Kompromisslösung kennt auch Stammler nicht. "Es war 30 Jahre lang ein Tanzlokal, acht Jahre ein Table-Dance-Laden. Es hat sich nie jemand beschwert, weil es bekannt war, dass es hier lauter zugeht. Aber wenn dann neue Anwohner herziehen, obwohl sie wissen, dass es ein Lokal gibt, fahren sie Geschütze auf und reden nicht mal mit dem Gastwirt, dass es ihnen zu laut ist." Wesenszüge, die auch Hottner von "seinen" Anwohnern kennt. Klostermann sieht das Problem in Zukunft sogar größer werden: "Die Rechtssprechung tendiert dazu, den Anwohnern Recht zu geben." Seiner Meinung nach gehe das so lange gut, "bis das letzte Stadtfest, die letzte Kirwa und die letzte Innenstadtlocation nicht mehr existieren und dann will es keiner gewesen sein".

Amberg sei nur ein kleines Beispiel für den "allnächtlichen Kampf", der in jeder Stadt jedes Wochenende diesbezüglich stattfinde. Aber eine Innenstadt ohne Nachtleben? "Das wird der Anwohner auf Dauer auch nicht wollen", hofft der Kneipenwirt. Und Hottner bricht stattdessen eine Lanze für alle übrigen Anwohner, die nicht alle Geschütze auffahren und auf Recht und Gesetz pochen, sondern leben und leben lassen: "Es gibt Leute, mit denen man sich einigen kann und es gibt welche, die das gar nicht wollen."
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