Klinikum St. Marien gibt Prognose zur wirtschaftlichen Entwicklung
Vor mageren Jahren

Bild: Hartl
Politik
Amberg in der Oberpfalz
15.04.2016
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Amberg: Klinikum St. Marien |

Die Worte waren deutlich: Der Flurschaden, den Ex-Klinikumsvorstand Wilhelm Daller mit seinen Anschuldigungen anrichte, sei enorm, sagte Oberbürgermeister Michael Cerny. Er war ins Krankenhaus gekommen, um der Leitung den Rücken zu stärken.

"Wir nehmen heute Stellung, weil Behauptungen aufgestellt worden sind, denen wir entgegentreten müssen", sagte Klinikumsvorstand Manfred Wendl bei einer Pressekonferenz am Freitagvormittag. Sie war einberufen worden, nachdem sein Vorgänger, der 2012 abgetretene Wilhelm Daller, erneut mit einem offenen Brief für Wirbel gesorgt hatte (wir berichteten). Daller erklärte darin unter anderem, dass 2015 ein Defizit von mehr als drei Millionen Euro angefallen sei.

Neuer Patientenrekord


"Das entspricht nicht der Wahrheit", betonte Wendl und bezifferte das Minus für das vergangene Geschäftsjahr auf 125 000 Euro. Das seien 955 000 Euro weniger, als im Haushalt ursprünglich eingeplant. Dass das Klinikum in den nächsten Jahren große finanzielle Belastungen stemmen müsse, stehe außer Frage. Zwar verzeichne es 2015 mit fast 27 000 Patienten eine neue Rekordmarke. Beim Abrechnen der Leistungen seien aufgrund gesetzlicher Vorgaben aber nur leichte Steigerungen (heuer plus 1,7 Prozent) zu erwarten, während beim großen Posten Personalkosten deutlich größere Belastungen anstünden (plus 3 Prozent). Auch die erheblichen Investitionen der vergangenen Jahre in Gebäude und Neuanschaffungen wirkten sich heuer und in den nächsten Jahren massiv auf die Bilanzen aus. "Teilweise handelt es sich dabei um Investitionen, die unter Dallers Amtszeit eingeleitet worden sind", erläuterte Wendl.

Vor diesem Hintergrund prognostizierte der Klinikumschef für das Jahresergebnis 2016 ein Defizit von 3,65 Millionen Euro und für die Folgejahre bis 2021 jeweils einen ähnlich hohen Fehlbetrag mit leicht steigender Tendenz. Wendl: "Wir müssen nun schauen, wie wir die nächsten Jahre überbrücken." Die Klinikumsleitung habe ein Zukunftssicherungskonzept erarbeitet, das derzeit mit der Stadt als Träger und dem Personalrat diskutiert werde. Es sieht unter anderem Leistungssteigerungen, Betriebskostenzuschüsse durch die Stadt und Einsparungen beim Personal vor. Konkret ist dabei an einer zeitlich befristeten Absenkung der Zusatzversorgung für Mitarbeiter gedacht.

Verantwortung bewusst


Oberbürgermeister Michael Cerny rückte noch einmal den Daller-Brief in den Fokus. "Es ist nicht so, dass dadurch etwas aufgedeckt wurde", sagte er. Die zuständigen Gremien seien längst in die Beratungen eingebunden. "Herr Daller will offensichtlich seine Reputation verbessern, indem er auf seinen Nachfolger zielt", sagte der Rathauschef. "Aber er trifft das Klinikum und seine Mitarbeiter." Dem Stadtrat sei bewusst, dass Fehlbeträge ausgeglichen werden müssen. Natürlich habe die Stadt ein Interesse daran, "dass sich die Defizite nicht verstetigen".

Zitate


"Der Stadtrat hat sich bei der Daseinsvorsorge für die Stadt und die Region immer in der Pflicht gesehen."Oberbürgermeister Michael Cerny über die bevorstehenden Defizite am Klinikum


"Wenn es einen offenen Brief gibt, in dem falsche Dinge und Halbwahrheiten stehen, dann müssen wir das korrigieren."Cerny über das Schreiben von Ex-Klinikumschef Wilhelm Daller


"Es ist traurig, dass wir uns immer wieder mit der Causa Daller beschäftigen müssen."Ärztlicher Direktor Dr. Harald Hollnberger


"Über den Frontalangriff von Wilhelm Daller kann ich nur milde lächeln. Entweder er ist über die Arbeit des Personalrats schlecht informiert oder er hat keine Ahnung oder will keine Ahnung haben."Personalratsvorsitzender Reinhard Birner


Herr Daller will offensichtlich seine Reputation verbessern, indem er auf seinen Nachfolger zielt. Aber er trifft das Klinikum und seine Mitarbeiter.Oberbürgermeister Michael Cerny


Im BlickpunktAus Sicht der Arbeitnehmervertreter ist es noch zu früh, um über Einschnitte zu verhandeln. "Die Mitarbeiter sind nicht dazu da, die wirtschaftlichen Defizite auszugleichen", sagte Personalratsvorsitzender Reinhard Birner am Freitag bei einer eigenen Pressekonferenz in der Verdi-Geschäftsstelle. Auch Klaus Heyert von der Gewerkschaft Verdi sieht derzeit keinen Grund, zulasten der Beschäftigten vom Tarifvertrag abzuweichen. "Das Klinikum St. Marien steht im Vergleich zu anderen Krankenhäusern immer noch gut da", erklärte Heyert.

Das Minus von 125 000 Euro werde durch ein Plus bei den beiden Tochtergesellschaften von 750 000 Euro mehr als kompensiert. Verdi und der Personalrat sehen deswegen erst einmal die Stadt als Träger in der Verantwortung. Sollte das Klinikum in den nächsten Jahren tatsächlich in eine Notlage kommen, könne neu verhandelt werden. (upl)

Eine Frage der Wertschätzung

Angemerkt von Uli Piehler

Bei dem ganzen Wirbel um das Klinikum geht es eigentlich um Wertschätzung. Eher unwichtig ist dabei, wie ein gekränkter Ex-Chef die Arbeit seines Nachfolgers beurteilt. Vielmehr interessiert, wieso er es in Kauf nimmt, durch ein Trommelfeuer der Kritik das ganze Haus in Verruf zu bringen und dabei auch seinen langjährigen Mitarbeitern zu schaden. Letztendlich geht es aber um die Frage, wie viel ein Schwerpunktkrankenhaus wie St. Marien einer Kommune mit rund 44 000 Einwohnern wert ist.

Die Stadt wird in den nächsten Jahren tief in die Tasche greifen müssen, um ihrem Klinikum über die Durststrecke zu helfen. Dabei weiß heute keiner, wie lange die kritische Phase dauern wird. Die Vorzeichen verheißen nichts Gutes, denn die Bundespolitik fördert die großen Klinik-Zentren und benachteiligt kleine und mittelgroße Häuser wie St. Marien. Deswegen wird der Druck steigen, mit anderen Gesundheitseinrichtungen in der Region zu kooperieren und vielleicht sogar zu fusionieren.

Der Landkreis Amberg-Sulzbach könnte ein Lied davon singen, brummt aber höchstens leise vor sich hin. Erst vor einer Woche hat der Kreistag einen Verlustausgleich in Höhe von 2,75 Millionen Euro zur Deckung des Defizits der beiden Einrichtungen in Sulzbach-Rosenberg und Auerbach genehmigt. Völlig unaufgeregt, nur mit dem fraktionsübergreifenden Bekenntnis, das Geld seien die Krankenhäuser dem Landkreis wert. Die Frage ist nur, wie lange sich Stadt und Land diese Art der Wertschätzung noch leisten können.
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