Markus Söder zu Gast in der Redaktion
Kein Bürger-Shrek mehr

Aufgemerkt: Markus Söder umarmt immer häufiger mit angeblichen Wesensverwandschaften: "Oberpfälzer und Franken sind ja innerlich Euphoriker, man muss es nur nicht gleich merken." Bild: Hartl
 

Shrek, Gandhi, Stoiber - Markus Söder ist der bunteste Hund der bayerischen Parteienlandschaft. Und zugleich wohl auch der schwärzeste. Wie wandlungsfähig ist der bestverkleidete Mann des deutschen Karnevals? Ein Gesprächsporträt.

Wer die Nockherberg-Singspiele über die Jahre verfolgt hat, stellt fest: Double Stephan Zinner hat eine gewaltige Wende hingelegt. Lange durfte der Mann nur im verlängerten Darm von Ministerpräsident Edmund Stoiber spielen. Das hat sich geändert. Der peinliche "O sole mio"-Darsteller hat sich zum raffinierten Franken-Machiavelli gemausert: "Drum beiß, beiß, beiß in den Köder vom Markus Söder", sang er in Markus Rosenmüllers Singspiel.

Im wirklichen politischen Leben rieben sich viele Konkurrenten die Hände, als Horst Seehofer das umtriebige Handwerkerkind auf dem vermeintlichen Schleudersitz im Finanzministerium Platz nehmen ließ: Doch Söder schaffte es trotz Landesbank-Desasters und dessen Defizit von 4,5 Milliarden Euro, gestärkt aus der neuen Rolle hervorzugehen. Er gibt nicht nur den Schatzmeister, der keine neuen Schulden aufnimmt, sondern auch den Heimatminister, der den ländlichen Raum puscht. Das Mantra: Breitband und W-Lan braucht das Bayernland.

Läuft alles nach Plan, könnte Söder 2018 sein Double arbeitslos machen: "Wenn er Ministerpräsident wird, hör ich auf", drohte der Kabarettist. Was an Zinner ist Markus Söder und was an Söder Staatsschauspiel? Wenn nicht gerade Mutter Bavaria moralinsauer lästert, kann der Strauß-Fan über die Parodie herzhaft lachen: Wie viel Wahrheit steckt im Wechselspiel zwischen Arschkriecherei und Intrigantenstadel auf der Bühne? "Panik bekommen nur diejenigen, die nicht vorkommen", kontert er kühl.

"Stoiber ist eine väterliche Figur für mich", schwärmt er über die wichtigste Phase seiner Karriere. "Ich habe viel von ihm gelernt." Nicht nur über Fußball - als Clubberer vom Bayern-Fan. "Er hat mich nie geschimpft, auch nicht in schwierigen Zeiten." Stoiber, der legitime Erbe Straußens: "Es ist kein Fehler, dazuzulernen. Das gilt für mich bis heute." Dass er an seinem Aufstieg generalstabsmäßig getüftelt habe, hält der Nürnberger für ein Gerücht: "Das ist nicht planbar." Viele Positionen seien ihm zugefallen: "Ich wollte nicht JU-Landesvorsitzender werden", sagt er. Aber die jungen Schwarzen hätten gedrängt: "Du bist der Beste von uns in Bayern, du musst das machen."

Abschied vom Ziehvater


Die Übergänge sind nicht frei von Brüchen, gerade der vom Ziehvater Stoiber zum Landsmann Beckstein: "Das war für mich sehr emotional." Als Bewährungsprobe habe ihn der Kurzzeit-Ministerpräsident vom Generalsekretär zum Europaminister umgepolt: "Das ist die größtmögliche Spannbreite", bekennt er belustigt, "zwischen Bierzelt und einer Sitzung des Rats der Regionen in Europa". Nicht falsch verstehen, "ich habe es gerne gemacht".

Wie die Jungfrau zum Kind kam der Söder zur Umwelt: "Das hätte ich nie gedacht", nähert er sich, wo's gelegen kommt, grünen Positionen. Dann die Krönung, Finanzminister - wie eignet sich ein promovierter Jurist diesen Job an? "Erstens, mit der Freude, Probleme zu lösen. Zweitens mit totaler Lernbereitschaft", erklärt er. Klares Denken, verständliche Kommunikation und: "Du musst Menschen mögen", vergleicht er sich mit scheueren Typen, "ich habe Kandidaten erlebt, die schlaue Köpfe waren. Aber wenn sich jemand schwer tut, ordentlich die Hand zu schütteln, sollte er etwas anderes machen".

Was Söder bei aller Größe (1,94 Meter) kapiert hat: Wenn der gelernte BR-Redakteur nicht gerade eine gezielte Provokation für die Medien lostreten möchte, versucht er seine Gesprächspartner mitzunehmen, anstatt auf sie herunterzuschauen: "Die Menschen unterscheiden nicht immer politisch korrekt", versucht er beim Thema Flüchtlinge und Terrorgefahr zu differenzieren. Die bekannten CSU-Positionen: "Begrenzung des Zustroms, Kontrolle der Grenzen, den Menschen die Chance geben, ihr eigenes Land wiederaufzubauen und kulturelle Integration."

Ob er beim Twittern über Özils verschossenen Elfer mit der bandagierten rechten Hand abgerutscht ist? Söder scheint überzeugt: "Wir stehen an einem Wendepunkt, wenn wir die gleichen Fehler wie Frankreich und Belgien machen." Parallelgesellschaften und No-Go-Areas, in die sich die Polizei nicht reintraut, seien "bei einer Million Menschen, die neu in unserem Land sind", nur mit klaren Leitbildern zu verhindern.

Ob es auch ein kulturelles Leitbild für die braucht, deren Feindbild außer Minaretten und Kopftüchern auch Emanzen, Ökos, Gutmenschen, Homosexuelle und alles, was nicht recht ins Biedermann-Weltbild passt, umfasst? "Wir wissen", sagt Söder, dass es vernünftige Menschen gibt, denen Merkels ,Wir schaffen das'-Politik zu weit ging", unterscheidet er zwischen dem Unmut konservativer Stammwähler, denen die Partei zu mittig ist, und dem irrationalen Furor der Wutbürger.

Schafft es die CSU, dieses Klientel zu reintegrieren? "Klare Positionen und eine Haltung. Daraus speist sich Glaubwürdigkeit," ist Söder überzeugt. Aber kann ein Franke auch bayerischer Volkstribun? "Eine Zeitung hat mal geschrieben, ,Söder kann Bierzelt'", antwortet er, "Die Postleitzahl ist weniger entscheidend als die Persönlichkeit - Angela Merkel hat nicht unbedingt ein ausgeprägt bayerisches Naturell, hatte aber ein überragendes Ergebnis in Bayern bei der Bundestagswahl erzielt."

Du bist der Beste von uns in Bayern, du musst das machen.Markus Söder sah sich zum JU-Landesvorsitz gedrängt
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