Millionen Briefe bleiben liegen

Mitarbeiter des Briefzentrums Schafhof sind am Montagabend in einen unbefristeten Streik getreten. Bild: Steinbacher

In den kommenden Tagen werden Millionen Pakete und Briefe nicht ankommen: Die Mitarbeiter der Briefzentren und die Zusteller bei der Deutschen Post treten schrittweise in einen unbefristeten Streik. Auch die Oberpfalz ist von dem Ausstand massiv betroffen - und zwar ab sofort.

(we/dpa) Seit Montag um 17 Uhr werden die Briefzentren Bayreuth (Wolfsbach) und Amberg (Schafhof) bestreikt. Insgesamt treten hier laut Gewerkschaft Verdi rund 120 Mitarbeiter unbefristet in den Ausstand. In Amberg werden täglich rund 550 000 Briefsendungen bearbeitet, in Bayreuth rund 700 000.

Am Dienstag um 5.30 Uhr werden außerdem die Briefzusteller in Ebermannsdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) und die Paketzusteller in Amberg die Arbeit niederlegen. Hier werden pro Tag etwa 900 Pakete ausgetragen. Matthias Than, stellvertretender Vorsitzender der Verdi-Betriebsgruppe Bayreuth, kündigte ein deutliche Ausdehnung der Maßnahmen in der Region an: "Unser Atem ist ziemlich lang."

Mehr Wirkung erzielen

"Es wird zwangläufig größere Berge an Briefen und Pakten geben", ist sich Verdi-Sprecher Jan Jurczyk in Berlin sicher. Nach der Nadelstich-Taktik der vergangenen Wochen werde es nun darum gehen, "möglichst effizient" zu streiken und auch Wirkung zu erzielen.

Einzelheiten ihrer Streiktaktik will die Gewerkschaft zunächst allerdings noch nicht bekanntgeben. Mit flächendeckenden Ausständen sei zunächst jedoch nicht zu rechnen, hieß es. Nach sechs ergebnislosen Verhandlungsrunden ist die Stimmung auf beiden Seiten mehr als angespannt. Während Verdi offen über ein Imageproblem der Post durch eine "große Verunsicherung" der Beschäftigten und zunehmend "chaotischere" Betriebsabläufe spricht, kontert Post-Sprecher Dirk Klasen: "Das ist Unsinn." Verdi solle sich stattdessen Gedanken über das eigene Image machen.

In dem seit Monaten schwelenden Konflikt sieht die Gewerkschaft nun aktuell keinen Gesprächsbedarf mehr und will stattdessen aufs Ganze gehen. Vergangene Woche hatte die Post ein Verdi-Ultimatum verstreichen lassen und sich damit den Zorn der Gewerkschaft zugezogen.

Auf eine nach der Satzung mögliche Befragung der Mitglieder per Urabstimmung habe man vor der Entscheidung zum Streik bewusst verzichtet, so Jurczyk. Hintergrund sei eine "tiefe Verankerung" der Gewerkschaft in der Belegschaft und ein "hoher Organisationsgrad". Genaue Zahlen dazu möchte Verdi allerdings nicht nennen.

Verdi geht davon aus, dass auf den Bonner Logistikkonzern durch die unbefristeten Streiks gewaltige Probleme zukommen. "Ich habe keine Ahnung, wie die Post das bewältigen will", sagt Jurczyk. Nach der Erfahrung der wochenlangen Warnstreiks gibt man sich bei der Post dagegen noch betont gelassen.

Die Streikauswirkungen hätten sich tatsächlich bislang "in Grenzen" gehalten, sagt Post-Sprecher Klasen. Hintergrund sei auch eine mit Millionenaufwand seit Mitte der 90er Jahre betriebene Modernisierung der Brief- und Paketzentren. Während Zusteller nicht ohne Weiteres zu ersetzen seien, könnten etwa Verwaltungsbeschäftigte in den Verteilzentren eingesetzt werden. "Die gehen dann mal Pakete auflegen", so Klasen. Erst vergangenen Monat hatte das Arbeitsgericht Bonn entschieden, dass die Post im aktuellen Tarifkampf weiter Beamte als Ersatz für streikende Angestellte einsetzen darf. Neben ihren rund 140 000 Angestellten hat die Post auch etwa 38 000 Beamte, die nicht streiken dürfen.

Post hält sich bedeckt

Mittlerweile muss jedoch pro Tag bei der Post eine Flut von durchschnittlich etwa 3,5 Millionen Paketen bewältigt werden. Welche Vorbereitungen der Konzern für die seit Tagen angekündigte Eskalation des Tarifkonflikts getroffen hat, will der Sprecher nicht verraten. "Wir werden alles tun, damit die Auswirkungen so gering wie möglich gehalten werden", heißt es lediglich.

In dem Tarifkonflikt geht es um Bezahlung und Arbeitszeit für rund 140 000 Beschäftigte. Kern des Streits aber sind die angekündigten Sparmaßnahmen des Unternehmens mit dem Aufbau von 49 regionalen Gesellschaften für die Paketzustellung, bei denen rund 6000 Paketboten nicht mehr nach dem Haustarif der Post, sondern nach den oft niedrigeren regionalen Tarifverträgen der Logistikbranche bezahlt werden.
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